Bildungsplattform Digitalprojekt „Ella“ vor dem Aus?

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) will in Sachen „Ella“ die Verhandlungen zwischen dem Entwickler und seinem wichtigsten Subunternehmer abwarten.
Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) will in Sachen „Ella“ die Verhandlungen zwischen dem Entwickler und seinem wichtigsten Subunternehmer abwarten. © Foto: Bernd Weissbrod/dpa
Stuttgart / Axel Habermehl 16.08.2018
Ob die Bildungsplattform „Ella“ fertiggestellt oder eingestampft wird, ist offen. Die Konkurrenz bringt sich schon in Stellung.

Noch liegt die Zukunft des in Turbulenzen geratenen Digitalprojekts „Ella“ im Dunkel. Klarer wird sie frühestens in zwei Wochen. So lange hat Iteos, der Entwickler der „Elektronischen Lehr- und Lernassistenz“, Zeit, seinen wichtigsten Subunternehmer, die US-Softwarefirma Veritas, vertraglich zur Umsetzung nachträglicher Anforderungen zu bewegen. Das Verhandlungsergebnis prüfen die Auftraggeber: Kultusministerin Susanne Eisenmann und Innenminister Thomas Strobl. Die beiden CDU-Politiker entscheiden dann, ob „Ella“ weitergeführt oder gestoppt wird.

Landesregierung wartet die Verhandlungen ab

Aus den Gesprächen dringen keine harten Informationen nach außen. Iteos reagert nicht auf eine Anfrage. Veritas lehnt es ab, Fragen zu beantworten, schickt aber eine Stellungnahme: „Veritas unterstützt das Ella-Projekt uneingeschränkt und arbeitet eng mit Iteos zusammen, um das Projekt erfolgreich zu übergeben. In komplexen Projekten wie dieser Cloud-Plattform wird Veritas weiterhin wichtige Innovationen einbringen, die Kunden im öffentlichen Sektor und im kommerziellen Bereich dabei helfen, einige ihrer dringendsten Herausforderungen im Datenmanagement zu lösen.“ Auch die Landesregierung hält die Füße still: Man warte die Verhandlungen ab, teilt das Kultusministerium mit.

SPD: Keine faulen Kompromisse

Der SPD-Abgeordnete Daniel Born fordert: „Bei der Frage, wie es mit Ella weitergeht, dürfen wir uns auf keinen faulen Kompromiss einlassen. Es darf nicht darum gehen, dass die beteiligten Minister Eisenmann und Strobl nach ihrer mangelhaften Projektsteuerung nun ihr Gesicht wahren.“ Schließlich habe das Land 8,7 Millionen Euro gezahlt, und bislang habe keine Schule einen Nutzen. Born findet: „Ein Plan B darf nicht bedeuten, dass über diese verantwortungslos verpulverten Steuergelder nicht mehr gesprochen wird.“

IT-Konkurrenz bringt sich in Stellung

Hat das Land überhaupt einen „Plan B“? Offiziell jedenfalls nicht. Doch die IT-Konkurrenz bringt sich in Stellung. Auf eine Landtagsanfrage der SPD antwortet Eisenmann: „Im Zuge der Berichterstattung über die Verzögerungen bei der Bildungsplattform wurde das Kultusministerium von verschiedenen Unternehmen kontaktiert, ohne dass dies zu weiteren Gesprächen geführt hätte.“ Man habe nichts unternommen und führe, so Eisenmanns Sprecherin, „vorerst auch keine Gespräche mit möglichen dritten Anbietern“.

Das mit zuständige Innenministerium hält sich weniger zurück. Dort fand im Juni ein Gespräch mit Vertretern der Firma SAP statt, in dem unter anderem die Bildungsplattform Thema war. „Es handelte sich um einen Meinungsaustausch des Ministers, der aus unserem Haus zusammen mit dem Amtschef, dem CIO und Mitarbeitern des Innenministeriums geführt wurde“, berichtet ein Sprecher Strobls. Auch dass es „explizit und vertieft“ um Ella ging, bestätigt er.

SAP hat offenbar Interesse

Der Name SAP fiel im „Ella“-Komplex immer wieder mal. Hartnäckig hält sich das Gerücht, Europas größter Softwarehersteller habe schon vor Jahren Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) angeboten, eine solche Plattform zu entwickeln – und zwar gratis, als Prestigeprojekt. Schließlich gilt die Digitalisierung der Schulen als lukrativer Zukunftsmarkt.

Ob es die Offerte gab, ist unklar. Kretschmanns Sprecher sagte im Juni, ein solches Angebot sei im Staatsministerium „nicht bekannt“. Ein SAP-Sprecher bat schriftlich um „Verständnis, dass wir uns zu diesem Thema nicht äußern wollen“. Neue Fragen zum Treffen im Innenministerium bleiben unbeantwortet.

Doch offenbar haben die Walldorfer Interesse. Zum Treffen im Juni brachten sie ein Papier mit, es liegt dieser Zeitung vor. Unter dem Titel „Cloud4School – SAP Perspektive“ beschäftigt es sich mit „Ella“ – und zerreißt das Projekt. „Wir haben nicht den Eindruck, dass diese Plattform aus Sicht von Lehrern und Schülern entwickelt wurde, sondern eher aus technischer Sicht“, heißt es da.

Die Autoren kritisieren etliche Details, acht Seiten Analyse münden in einem vernichtenden Urteil: „Insgesamt scheinen sich die Dienstleister hier übernommen zu haben.“ Das Papier enthält auch eine „Handlungsempfehlung“. SAP schlägt einen „konzeptionellen Neustart“ vor – und bringt sich selbst ins Gespräch: „Bei Bedarf bieten wir gerne an, eine solche Machbarkeitsstudie inkl. eines Umsetzungsplans zu erstellen.“

Offerte stößt auf Skepsis

Selbstbewusste Ansagen, ein großer Name, noch dazu aus dem Ländle: Nach all dem Ärger mit „Ella“, nach all den nachträglich auftauchenden Subunternehmern, den Zweifeln an technischen wie unternehmerischen Fähigkeiten aller Beteiligten, klingt das für viele Politiker verlockend. Doch aus dem Bildungsausschuss des Landtags verlautet auch Skepsis: Gegen Pannen sei selbst der Riese aus Walldorf nicht gefeit. Schließlich habe „Lidl“ gerade erst „Elwis“ gestoppt, ein Softwareprojekt für ein neues Datensystem des Discounters. 500 Millionen Euro sollen über sieben Jahre bis zum Projektstopp geflossen sein. Der Entwickler: SAP. Neben „Elwis“ sieht „Ella“ mit ihren bisher 8,7 Millionen Euro fast läppisch aus.

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KIVFB war von Anfang an dabei

Entwickler von „Ella“ ist der kommunale IT-Verband KIVBF, seit einer Fusion im Juli heißt er ITEOS. Er ist seit April 2015, also noch bevor das Land die Anschaffung einer Plattform beschloss, dazu im Austausch mit dem Kultusministerium. Im Frühjahr 2017 präsentierten vier Anbieter dem Ministerium ihr Produkt: KIVBF, Microsoft, It´s Learning und Logineo. KIVBF wohnte allen Präsentationen bei. Es bekam den Zuschlag. Zuvor änderte es seine Satzung und erweiterte seinen Verwaltungsrat um einen Sitz: für das Land. So wurde ein „Inhouse“-Auftrag statt einer Ausschreibung möglich.

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