Baden-Württemberg Digitale Medizin: Das läuft noch nicht rund

Ravensburg/Ulm / David Nau 31.08.2018

Da haben wir ja noch einiges zu tun“, sagt Manne Lucha und erhebt sich vom Stuhl. Gerade hat sich der Sozialminister lange angehört, was  Digitalisierung konkret bedeutet. Und, was eben noch nicht möglich ist.

Der Minister schaut sich an diesem Tag im Ravensburger St. Elisabethenkrankenkaus an, was mit dem Geld passiert, das er verteilt. 4,3 Millionen Euro hat der Landtag für die Förderung der Digitalisierung im Gesundheitswesen bewilligt. Mehr als 100 Projekte haben sich beworben, 14 hat das Sozialministerium ausgewählt. Darunter die digitale Diabetes-Sprechstunde für Kinder und Jugendliche im Ravensburger Krankenhaus. Mehr als 400 000 Euro bekommt die Klinik, um zum Beispiel die Behandlung von Nick Arnhold zu verbessern.

Der 16-Jährige ist seit 2013 zuckerkrank und geht damit offen um. An seinem linken Oberarm sitzt ein Sensor, der ständig den Zuckergehalt im Blut misst, am Oberschenkel eine kleine Insulinpumpe, die das Hormon zum Zuckerabbau, das Nicks Körper fehlt, in den Blutkreislauf spritzt.

Das Problem: Pumpe und Sensor sind nicht kompatibel und nicht miteinander vernetzt. „Immer wenn der Sensor einen zu hohen Spiegel meldet, muss ich die Pumpe manuell anweisen, Insulin zu spritzen“, erklärt der Gymnasiast aus Biberach. Es gibt noch weitere Vernetzungsprobleme. Sein alter Sensor konnte vom Smartphone ausgelesen werden. Beim neuen Gerät funktioniert das nicht. Er muss immer noch ein spezielles Auslesegerät dabei haben. „Es wäre perfekt, wenn ich den Blutzuckerspiegel zum Beispiel auf der Smartwatch kontrollieren könnte.“

Viele unterschiedliche Systeme

„Da hängt die Realität noch der Vision hinterher“, sagt Dr. Uta Faller, die Nick am Klinikum behandelt. Die Diabetologin würde sich auch von ärztlicher Seite eine bessere Vernetzung der Geräte wünschen. Alle drei Monate lässt Nick in Ravensburg die Daten von Sensor und Pumpe auslesen. Faller kann aus den Daten Rückschlüsse auf die Entwicklung der Krankheit und die Wirkung der Therapie ableiten.

Das Auslesen ist aber kompliziert. „Jeder Hersteller arbeitet mit einem eigenen System“, sagt Faller. Daher seien Daten oft schwer zu kombinieren. So sieht die Oberärztin  zwar den Verlauf des Zuckerspiegels, kann aber nicht gleichzeitig sehen, wann Insulin gespritzt wurde.

Die Probleme in Ravensburg seien kein Einzelfall, sagt Professor Gerald Weisser. Der Radiologe ist Oberarzt an der Uniklinik in Mannheim und leitet die Koordinierungsstelle für Telemedizin in Baden-Württemberg. „Wir bekommen noch immer täglich hunderte CDs mit Röntgenbildern“, sagt Weisser. Das grundlegende Problem sei, dass es in Deutschland keine standardisierte digitale Infrastruktur gebe. „Wir sind seit 15 Jahren mit Projekten wie der elektronischen Gesundheitskarte auf Grund gelaufen“, sagt der Experte. Andere Länder seien viel weiter. In Österreich gibt es etwa eine elektronische Gesundheitsakte, an die alle Praxen und Krankenhäuser angeschlossen sind. „Wenn eine solche Grundlage geschaffen ist, dann passen sich auch die Hersteller den Standards an.“

Auf den großen Wurf wollten ein Arzt und ein Informatiker aus Ulm nicht warten. Der Neurologe Dr. Michael Lang und der Softwareentwickler Martin Mayr machten einfach. Sie haben für Langs Patienten eine App entwickelt. Mit „Patientconcept“ kann Lang kontrollieren, ob die teils Schwerkranken ihre Therapie einhalten.

Zum Beispiel Menschen mit Multipler Sklerose, einer schweren Erkrankung des Zentralen Nervensystems. „Die Krankheit kann man mittlerweile gut einbremsen, das bedarf aber strenger Überwachung“, sagt Lang. Die Patienten müssen regelmäßig zu Untersuchungen, ihre Blutwerte ständig kontrolliert werden. Früher gab es dafür in Langs Praxis eine 800-spaltige Excel-Tabelle. Eine Spalte pro Patient.

Nun können die Patienten oder andere Ärzte etwa Blutwerte in die App eintragen. Sie gehen dann automatisch an Lang, der von der Software nur informiert wird, wenn  die Werte eine Linie unterschreiten. Der Arzt kann seine Patienten dann direkt über die App warnen, zu sich beordern oder anordnen, ein Medikament abzusetzen.

Das sei nicht nur eine technische Spielerei, sondern helfe den Patienten auch. „In Deutschland liegt die Therapietreue im Schnitt bei rund 50 Prozent“, erklärt Lang. Nur jeder Zweite nehme seine Medikamente regelmäßig und gehe zu den Untersuchungen. „Wir haben in den vergangenen zwei Jahren mithilfe der App 95 Prozent erreicht.“ Der Mediziner würde sich wünschen, dass die Krankenkassen sinnvolle digitale Angebote übernehmen. „Die Hürden sind aber irrsinnig hoch.“

Diese Erfahrung hat auch Gerald Weisser von der Koordinierungsstelle Telemedizin gemacht. „In dem Moment, in dem man etwas zu einer Kassenleistung machen will, muss man das ganz große Rad drehen.“ Das bedeutet, dass der Gemeinsame Bundesausschuss, in dem Vertreter von Kassen, Krankenhäusern und Ärzten sitzen, zustimmen muss. „Das kann Jahre dauern“, sagt Weisser. Er will sich deswegen mit den Kassen auf Landesebene verständigen. Ein Gespräch gab es bereits, Ende des Jahres will man sich erneut treffen. Weisser ist optimistisch.

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Millionen Euro aus der Digitalisierungsoffensive der Landesregierung steckt das Sozialministerium in 14 Modellprojekte in Medizin und Pflege. Beworben hatten sich über 100 Projekte.

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