War Polizistin Michèle Kiesewetter ein Zufallsopfer, als sie auf der Heilbronner Theresienwiese erschossen wurde? Um das zu klären, befasste sich der NSU-Untersuchungsausschuss gestern mit Einsatzlisten der Bereitschaftspolizei Böblingen. Denn für eine geplante Tat hätten die Schützen diese eigentlich kennen müssen.

An jenem 25. April 2007 hatte die Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) eine Urlaubswoche. Dennoch wurde ein Einsatz in Heilbronn angeboten, bei dem Kiesewetter mitfahren wollte, um ihr Stundenkonto aufzufüllen. Als sie sich eintragen wollte, war die Liste bereits voll. Die Beamtin tauschte daher mit Kollege Alexander D.

Beim Einsatz kam es schließlich zum Anschlag, für den der Nationalsozialistische Untergrund verantwortlich gemacht wird. Bei den Ermittlungen fiel auf, dass die Getötete ursprünglich gar nicht eingeteilt war. Die Soko tappte bei der Suche nach dem Tauschpartner im Dunkeln - auch weil D. schwieg. Er wurde erst Ende 2011 befragt.

Ausschussvorsitzender Wolfgang Drexler (SPD) wundert sich: "Warum haben Sie sich nicht gemeldet?" Der Tausch habe eine zentrale Rolle, der Anschlag hätte ihm gelten können. Das hätte "ganz andere Ermittlungsansätze" gebracht. Heute sei das freilich zu spät. Der 35-jährige Polizeiobermeister erklärt: "Ich habe das zu der Zeit als nicht wichtig erachtet. Ich wollte keine psychologische Betreuung."

Bei den Befragungen am Montag kommen weitere Ungereimtheiten aus der Einheit ans Tageslicht. So berichtete der Beamte Sven H. aus dem zuständigen BFE-Büro, dass die handschriftliche Einsatzliste, in der D. durchgestrichen und Kiesewetter eingetragen wurde, bis heute verschwunden ist. Auch er sei erst vier Jahre nach der Tat befragt worden. Der These, dass keiner von den Dienstplänen wissen konnte, widerspricht H.: Die Listen seien vor dem Büro ausgehangen - für jeden sichtbar. Kiesewetters Name stand in der Woche vor der Tat darauf.

Und noch ein Bereich beschäftigt den Ausschuss: Thomas B., Chef der Einheit, war an jenem Mord-Tag privat am Bärensee südwestlich von Stuttgart unterwegs. Als er kurz nach 14.15 Uhr vom Tod der Kollegin erfuhr, radelte er nach eigenen Angaben heim, duschte und war in Rekordzeit auf der Heilbronner Theresienwiese. Dort angekommen, rief er um 15.26 Uhr seine tot auf dem Schotter liegende Mitarbeiterin Kiesewetter auf dem Handy an.

Auf Drexlers Frage, wieso, hat der 46-Jährige keine Antwort - auch nicht, wieso der ehemalige Beamte aus einer Spezialeinheit heute nicht mehr im Polizeidienst ist. B. sagt nur, dass gegen ihn ein Disziplinarverfahren wegen einer anderen Sache läuft und er wiederum ein Strafverfahren gegen die Behörde führt.

Weitere Fragen des Gremiums blieben unbeantwortet: Ob B. nicht doch ein privates Verhältnis zu Kiesewetter hatte? Ob sich Kollegen nach dem Mord über mögliche Motive ausgetauscht haben? Ob die Familie von Kiesewetter, zu der B. noch heute Kontakt hält, Mutmaßungen anstellte? Der Ex-Polizist verneint, obwohl Aussagen aus Akten auf anderes deuten. Das bringt Drexler aus der Fassung: "Ich habe den Eindruck, dass Sie Abblocken" Sein Hinweis, dass der Zeuge wahrheitsgemäß und vollständig aussagen muss, bringt keinen Erfolg.

Jürgen Filius (Grüne) wundert sich, dass Polizisten sich als geschulte Ermittler keine eigenen Gedanken machen - das sei unglaubwürdig. Rita Haller-Haid (SPD): "Der Tag wirft kein gutes Licht auf die Bereitschaftspolizei." Es bleibe ein schaler Nachgeschmack. FDP-Obmann Ulrich Goll, der zu jener Zeit noch Justizminister war, kritisiert, dass der Komplex nicht systematisch untersucht wurde.