Kriminalität Diebe verkaufen Kunstwerke beim Schrotthändler

Nur die Füße blieben in Neckarsulm von der Skulptur „Lautenspieler“ übrig.
Nur die Füße blieben in Neckarsulm von der Skulptur „Lautenspieler“ übrig. © Foto: Stadt Neckarsulm
Heilbronn / Hans Georg Frank 06.06.2018
Kulturzerstörung für den Materialwert: Bei Heilbronn häufen sich Diebstähle von Skulpturen. Banden verkaufen sie als Buntmetall.

Der Name des 1970 geschaffenen Kunstwerks hat jetzt durch einen spektakulären Diebstahl eine neue Bedetung bekommen. „Der große Bedrohte“ nannte der Bildhauer Waldemar Grzimek seine 200 Kilogramm schwere Figur, die am Stadtrand von Heilbronn einen Weinpanoramaweg schmückte. Die Skulptur ist verschwunden, mit brachialer Gewalt abgetrennt vom Sockel. Übrig blieben nur die Füße. Etwa zur gleichen Zeit stahlen unbekannte Täter ganz in der Nähe den „Fassträger“, entstanden im Atelier von Klaus-Henning Seemann. Auch diese Figur ist mit Hilfe von Werkzeug entfernt worden.

Die Heilbronner Polizei vermutet, dass ausländische Banden im Weinberg unterwegs gewesen sind –  Spezialisten für Buntmetall. Die Skulpturen sind aus Bronze gefertigt; wird es eingeschmolzen, bleibt begehrtes Kupfer übrig, ebenso Zinn. Die Kriminalpolizei bekam wenige Tage nach dem Raubzug im Weinberg noch mehr Arbeit. In Neckarsulm, direkt vor dem Rathaus, haben Unbekannte den 1,60 Meter großen „Lautenspieler“ vom Podest geschlagen. Es handelt sich um ein Werk des Bildhauers Hermann Koziol, der damit den in Neckarsulm geborenen Komponisten Franz Simon Molitor würdigte. In jener Nacht fiel Dieben auch der Gründer des Stadtteils Obereisesheim in die Hände: Der 90 Zentimeter große Eberwin, eine Statue aus Bronze.

Nun wird in Neckarsulm geprüft, ob wenigstens ein Teil der restlichen elf Kreationen aus Bronze und Eisenguss mit Videokameras überwacht werden kann. „Das ist eine wirklich schlimme Sache“, verurteilt Stadtsprecher Andreas Bracht die Diebstähle.

Bei der Suche nach lukrativer Beute kennen die Buntmetall-Experten auch keine Rücksicht auf die Gefühle von Angehörigen. Im Friedhof von Backnang (Rems-Murr-Kreis) suchten sie die Gedenkstätte für die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs heim. Vor dem Versprechen „Treu bis in den Tod“ rissen sie zwölf Bronzetafeln mit insgesamt 323 Namen von der Wand. Um die Schwerlastdübel herausbrechen, seien wohl „hydraulische oder wagenheberähnliche Hilfsmittel“ eingesetzt worden, vermutet die Polizei. Sie bezifferte den reinen Materialwert dieser zwölf und zwei weiterer Tafeln, zusammen gut eine Tonne schwer, auf 11.000 Euro. „Jedoch wiegt der immaterielle Schaden weitaus höher“, teilte das Präsidium in Aalen mit.  „Die Wiederherstellungskosten derartiger Werke werden sich wohl im sechsstelligen Bereich bewegen.“

Für die Verwaltung ist die Tat niederträchtig. „Das Gedenken der Gefallenen wird mit Füßen getreten“, erklärte Rathaussprecher Ralf Binder. Es werde nun versucht, „mit geeigneten Maßnahmen Diebstahl und Beschädigungen abzuwehren“. Welche das sind, das behält Binder für sich.

Kaum Schutz möglich

Wenn Kunstwerke selbst in der Stadtmitte nicht sicher sind, kann angenommen werden, dass sie in der freien Landschaft noch weniger geschützt werden können. Das gilt auch für den Skulpturenpfad in Weinstadt mit 36 Bronzefiguren. Die Zufahrtswege seien nicht gesperrt, bestätigte die Stadtverwaltung.

Auch wenn dieser spezielle Kunstraub mehr Aufsehen erregt als Plünderaktionen mit Dachrinnen und Kupferkabeln, eine eklatante Häufung vermag das Landeskriminalamt in Stuttgart nicht festzustellen. Beim Blick auf die Statistik fällt auf, dass von 2013 bis 2016 die Zahl der Bronze-Delikte von 43 auf 21 zurückgegangen ist. Letztes Jahr wurden 23 solcher Fälle registriert. „Diese Diebstähle erfolgten aller Wahrscheinlichkeit nach aus monetären Gründen“, sagte ein LKA­Sprecher auf Anfrage, „aber es kann auch sein, dass eine Figur besonders gut gefallen hat.“

In Zahlen

800 Euro je 100 Kilo Bronze lassen sich legal erlösen – der Preis für ein Kunstwerk liegt natürlich weit höher als der Materialwert. Der Bundesverband für Sekundärrohrstoffe und Entsorgung geht davon aus, dass Diebe ihre Ware „schnell über die Grenzen bevorzugt in die Niederlande, Polen und Tschechische Republik schaffen, da dort der Verkauf an den örtlichen Schrotthandel relativ einfach ist“. In Deutschland werde sich „jeder seriös arbeitende Schrottbetrieb dreimal überlegen, Hehlerware anzukaufen“. hgf

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