Mord Die zwei Gesichter des getöteten Kickboxers

Musa Musalaev präsentierte sich auf seiner Homepage als Heinrich von Mirbach.
Musa Musalaev präsentierte sich auf seiner Homepage als Heinrich von Mirbach. © Foto: Privatfoto
CHRISTOPH MAYER 24.11.2016

Musa Musalaev war eine facettenreiche Person. Bekannt war der Ende vergangener Woche vor seinem Haus in Ludwigsfeld von einem unbekannten maskierten Mann erschossene ehemalige Kickbox-Weltmeister in seiner Heimat Russland nicht nur unter dem Künstlernamen „Prince of Tatarstan“ (wir berichteten), sondern auch als Kindergeschichten-Autor und Poet. Als Literat legte er sich allerdings den deutschen Namen Heinrich von Mirbach zu. Auf seiner gleichnamigen Internetseite heißt es, dass er diesen Namen mit Fug und Recht führen dürfe, da er ein Baron sei und von einem deutschen Adelsgeschlecht abstamme.

Unter dem Namen Heinrich von Mirbach trat Musalaev auch in Ulm und Neu-Ulm auf. „Ich habe ihn mehrmals persönlich getroffen“, sagt Daniel Hipp, Chef der Ulmer Kampfkunstschule Hipp. Er beschreibt Musalaev als feinsinningen, intelligenten Mann, der Ende 2015 zu ihm gekommen sei, weil er Übungsräume der Kampfkunstschule stundenweise habe mieten wollen. Musalaev, des Deutschen nicht mächtig, brachte einen Übersetzer mit, den er als „meinen Paten“ vorstellte. „Mirbach hat gesagt, dass er langfristig eine eigene Ringkampfschule für Kinder und Erwachsene aufbauen, aber erst mal in angemieteten Räumen starten will“, erinnert sich Hipp. Er habe von seiner Profi-Karriere in Russland erzählt. Und davon, dass er deutsche Wurzeln habe und sich in Deutschland eine Existenz aufbauen wolle. „Er war kein Schwätzer, wie andere in dieser Branche“, sagt Hipp.

Das Geschäft kam letztlich nicht zustande, weil beide Parteien sich nicht über die Höhe der Miete einig wurden. „Die Kommunikation war mühselig“, erinnert sich der Ulmer Trainer. Unterdessen hatte „von Mirbach“ schon einen druckfertigen Flyer herstellen lassen, der für eine „Von Mirbach Akademie“ warb. In seiner letzten E-Mail an Hipp im Dezember 2015 machte der Russe dann einen Rückzieher. Er schrieb: „Ich kehre zum großen Sport zurück. Vor zwei Wochen habe ich einen Vertrag mit einer MMA-Föderation (MMA steht für Mixed Martial Arts, eine moderne Kampfkunst, Anm. d. Red.) geschlossen.“

Wovon Musalaev, der nach Aussage seiner Nachbarn mit seiner Frau und drei Kindern einen gehobenen Lebensstil führte und eine Eigentumswohnung in Ludwigsfeld besaß, lebte? Das weiß auch Hipp nicht. „Mir hat er damals gesagt, er habe aktuell kein Einkommen.“ Er erinnert sich aber daran, dass sein Fast-Geschäftspartner immer wieder für mehrere Wochen in Russland war. So habe er es ihm seinerzeit jedenfalls mitgeteilt. Womöglich, so mutmaßt Hipp, habe er in seiner alten Heimat Boxkämpfe organisiert. Mit illegalen Wetten lasse sich viel Geld verdienen.

Kenner der Kickbox-Szene bescheinigen Musalaev einen äußerst brutalen Kampfstil, der weit über das in diesen Kreisen übliche hinausgegangen sei. Wie der martialische Kampfsport zu seiner Dichtertätigkeit passt? In einem Interview im russischen Fernsehen antwortete er 2012 auf eine entsprechende Frage der Moderatorin: „Ich bin ein Poet, der Sport betreibt.“ Als Literat verfasste er nicht nur zahlreiche Kindergeschichten, sondern auch Liebeslyrik. Zum Beispiel das Gedicht „Gefallener Engel“. Die deutsche Übersetzung lautet:

Ich sah Dich, Deinen Körper und Deine Lippen. Auf den Scherben der Liebe zerfallen Schicksale. Ich sah Dich, weißer Engel und Dämon. Nimm mich mit ins Paradies, wo ich niemals war.

Von der Polizei gibt es unterdessen keine neuen Erkenntnisse. Der oder die Täter sind weiter flüchtig. Bezüge zur Russenmafia werden nicht ausgeschlossen. Man ermittele aber in alle Richtungen, heißt es.