„Es gibt die Grundschulempfehlung ja noch. Das wissen viele Leute gar nicht“, sagt Annemarie M.: „Nur die Eltern müssen sich nicht mehr daran halten.“ Seit 24 Jahre arbeitet die Stuttgarterin an Grundschulen, hat Generationen von Kindern beim Übertritt auf die weiterführende Schule begleitet. Sie erinnert sich an Kinder, die schon in der dritten, vierten Klasse mit Nachhilfe getriezt wurden, damit sie die Noten fürs Gymnasium schafften. „Oft war die Situation hochgradig angespannt. In der Klasse und auch unter den Eltern“, sagt die 57-Jährige: „Das ist nicht verschwunden, aber es ist längst nicht mehr so extrem.“

In welchen Bundesländern die verbindliche Grundschulempfehlung noch gilt, haben wir hier für Sie zusammengefasst:

 

Für sie als Lehrerin seien manche Gespräche „der blanke Horror“ gewesen. Beschimpfungen, Vorwürfe, Drohungen. Eine Situation, aus der sie ihre Konsequenzen gezogen hat. „Man hatte immer die Eltern im Hinterkopf und ihre Reaktion. Es gibt vier Kinder, bei denen habe ich bewusst die falsche Empfehlung gegeben“, gesteht die Lehrerin. Wider besseren Wissens habe sie die Schüler aufs Gymnasium geschickt, obwohl die nur dank Nachhilfe auf passable Noten gekommen seien. „Vielleicht war ich feige, aber ich konnte nicht anders“, sagt Annemarie M..

Seit die Verbindlichkeit abgeschafft ist, berate sie sehr ehrlich und mit Freude: „Der Druck für mich ist weg. Die Gespräche beginnen viel früher. Man weiß beim offiziellen Beratungsgespräch eigentlich meistens schon, was Sache ist.“ Die Einschätzung von ihr und den Eltern sei häufig deckungsgleich – zumindest komme das in den Gesprächen zum Ausdruck. „Wo sie ihr Kind dann tatsächlich anmelden, weiß ich natürlich nicht“, sagt Annemarie M.. Zumindest nicht offiziell.

Den elfjährigen Emre Gülcü hat Annemarie M. vor zwei Jahren an die Werkrealschule empfohlen. Die Familie hat sich nicht an ihren Rat gehalten, sondern den schüchterenen Bub am Gymnasium angemeldet. Bekannte hätten ihm gesagt, das Gymnasium sei „die beste“ Schule. „Natürlich wollte ich das Beste für mein Kind“, sagt Emres Vater Hidayet. Dass das Beste nicht immer das Gymnasium ist, musste er bald erfahren. Emre war völlig überfordert, zog sich zurück, bekam Bauchweh und verweigerte total.

Marius Weinkauf kennt solche Situationen. „Aber es sind nur Einzelfälle. Die Eltern sind sich ihrer Freiheit bewusst, aber die meisten gehen sehr verantwortungsvoll damit um“, betont der Schulleiter des Ulmer Anna-Essinger-Gymnasiums. Es gebe Eltern, die offensiv die Sache angehen und ihm bei der Anmeldung erzählen, dass ihr Kind keine Empfehlung bekommen hat. „Es gibt sicher Fälle, bei denen sich die Grundschul-Kollegen getäuscht haben. Doch meistens ist es wirklich so, dass für die Kinder vom Lerntyp her eine andere Schulart besser ist“, sagt Weinkauf. Was nicht heiße, dass diese Kinder nicht das Zeug hätten, um letztlich doch das Abitur zu machen: „Manche starten an einer anderen Schule richtig durch, weil die Art des Lernens ihnen dort eher gerecht wird.“

Die Realschulen haben größere Probleme, wie Eugen Epp von der Ulmer Elly-Heuss-Realschule sagt. „Ich gehe davon aus, dass 50 Prozent der Kinder, die zu uns kommen, keine Realschul-Empfehlung haben.“ Die Schüler, die auch aufs Gymnasium gehen könnten, fehlen fast ganz. Dies sei vor allem in städtischen Gebieten extrem, wo die Eltern weniger auf die Beratung reagierten als im ländlichen Raum. Die Folgen: Mehr Kinder sind versetzungsgefährdet, schaffen das Klassenziel nicht. Die Fluktuation ist hoch.

Epp erzählt von einer sechsten Klasse, in der nur noch die Hälfte der Kinder sind, die in der fünften begonnen haben. Trotzdem sei die Klasse wieder voll besetzt, weil diejenigen dazugekommen sind, die es woanders nicht geschafft haben. „Das ist pädagogisch nicht gut“, sagt Epp. Die Klassengemeinschaft könne sich nicht festigen, es entstünden mehr Probleme abseits des reinen Lernens.

Emre geht es inzwischen gut. Auch weil ein Lehrer einen Zugang zu seinem Vater gefunden hat. „Er hat mir richtig den Kopf gewaschen, geschimpft, was ich meinem Sohn antue. Dann hat er mir das System erklärt“, sagt Hidayet Gülcü und gesteht ein, dass er die von der Grundschule angebotene Beratung gar nicht erst wahrgenommen habe: „Mir war nicht klar, wie wichtig diese Gespräche sind.“ Emre besucht jetzt eine Gemeinschaftsschule. „In Mathe bin ich auf der höchsten Stufe“, sagt der Zwölfjährige stolz: „Ich finde die neue Schule toll. Ich bin gerne da.“ So gern, dass seine Schwester nun auch dorthin gehen wird. Die Grundschul-Lehrerin hat zur Realschule geraten hat.

„Die Arbeit der Klassen- und Beratungslehrer und Sozialpädagogen ist bei uns viel mehr geworden“, stellt Marius Weinkauf fest. Sehen Lehrer, dass ein Kind große Probleme hat, die sich oft auch im Sozialverhalten ausdrücken, werden sie möglichst früh aktiv und holen die Eltern dazu. Frustrierend werde es dann, wenn die Eltern es mit allen Fördermaßnahmen und Nachhilfe in mehreren Fächern trotzdem weiter durchziehen wollen. „Da muss ich als Pädagoge und Vater sagen, dass man keinem einen Gefallen tut. Die Kinder tun mir leid“, sagt Weinkauf.

Ob der Wegfall der Verbindlichkeit ein Fehler war oder nicht, dazu will sich Eugen Epp gar nicht weiter äußern. „Es war eine politische Entscheidung, unabhängig von der Parteifarbe. Auch die CDU hatte das ja in der Schublade“, sagt er. Sein Kollege Weinkauf glaubt, dass alles zu schnell gegangen ist: „Man hätte vielleicht damit noch ein paar Jahre warten sollen. Bei einer derart kompletten Umstrukturierung des Systems hätte man mit der Grundschulempfehlung lenkend eingreifen können.“

Egal, was die Politik entscheidet: An der Schule müssen die Vorgaben umgesetzt werden. Die Werkrealschule spürt dies an schwindenden Schülerzahlen, während die anderen Schularten auf die zunehmenden Leistungsunterschiede reagieren müssen, und zwar ohne dass das Niveau sinkt. „Unser Ziel muss es sein, den besten Weg für jedes Kind entsprechend seiner Möglichkeiten zu finden“, sagt Eugen Epp. Ein schwieriges, aber lohnenswertes Unterfangen.