Mannheim Die prekäre Freiheit der Hamster

WOLF GOLDSCHMITT 29.06.2016

Als „tierische Ökoterroristen“ sind sie in die Annalen der Mannheimer Stadtgeschichte eingegangen: 92 Feldhamster haben kurz nach der Jahrtausendwende den Bau der SAP-Arena auf dem Terrain Bösfeld lange verhindert. Weil die bedrohten Nager genau dort lebten, wo die Eventhalle geplant war, musste das 120-Millionen-Euro-Ding schließlich um 300 Meter versetzt werden.

Diese glorreiche Generation der Sammler mit den dicken Backen ist längst ausgestorben. Aber das Hamsterrad dreht sich weiter.  Der Bestand des critecus  critecus , so der lateinische Name, muss nämlich erhalten bleiben. Das garantiert schon eine Klausel im Vertrag zwischen Stadt und SAP-Arena.

Und so fördert die Kommune jährlich mit 120 000 Euro die Zucht des Nachwuchses im Heidelberger Zoo, die finanzielle Entschädigung der Landwirte, die ihre Felder dort hamsterfreundlich bewirtschaften – und die Arbeit des „Hamsterpapstes“ aus Heiligkreuzsteinach. Ulrich Weinhold versucht mit einem Artenhilfsprogramm, die Existenz der Tiere zu sichern. Etwa 70 neue Vierpfötler werden dieses Jahr ausgesetzt. Die ersten acht haben nun ihre sichere Heimat im Zoo gegen die freie Wildbahn eingetauscht.

Rückschläge bleiben da nicht aus, mancher Hamster lernt auf die harte Tour, dass es im wahren Leben nicht nur Fressen gibt – sondern auch Gefressenwerden. Bisweilen überlebt nur eine Handvoll der ausgesetzten Hamster die ersten Tage. Die ersten Störche und Raben kreisten bereits über ihrem Lebendfutter, als Mannheims Umweltbürgermeisterin Felicitas Kubala nun die nächste Nachzucht mit Hilfe einer Plastikröhre in ihrem unterirdischen, vorgefrästen Bau versinken lässt. „Die ersten Stunden sind kritisch. Je länger sie am Tag drin bleiben, desto größer die Überlebenschance der nachtaktiven Geschöpfe“, weiß Weinhold. Dennoch ist auch ihm klar, dass nicht alle diesen Kampf gewinnen können.

Besonders hilfreich ist der Sichtschutz vor Greifvögeln oder Füchsen. Der im Bösfeld gepflanzte Klee ist blickdicht und bietet im Sommer ausreichend Nahrung. „Wer es dann wirklich schafft und die nächste Generation zur Welt bringt, legt den Grundstein für einen funktionierenden Genpool. Die Nachkommen sind im Freien aufgewachsen und wissen sich durchzusetzen.“ In freier Natur ist die Lebenszeit auf rund vier Jahre beschränkt. Da aber mindestens drei Würfe im Jahr möglich sind, steigen die Chancen auf eine dauerhafte Ansiedlung der Tiere, die ganz oben auf der roten Liste der bedrohten Tierarten stehen.

„Wir könnten beim Schutz der bedrohten Tierarten freilich viel weiter sein, aber meine Hoffnungen in die grün geführte Landesregierung haben sich leider nicht erfüllt“, sagt Weinhold offen. Erwartete Gelder für die Vernetzung von Gebieten,  in denen sich Feldhamster tummeln könnten, sind gestrichen.

Dennoch gilt das Bösfeld deutschlandweit als der größte Rückzugsort für Feldhamster. Es ist gewissermaßen eine Insel, eng begrenzt von Autobahn, Wohnhäusern und Eisenbahnschienen. 53 Hektar Fläche werden hamstergerecht bewirtschaftet: keine Pflanzenschutzmittel und ein breiter Streifen Getreiderest nach der Ernte als Wintervorrat für die Feldbewohner. Mit der Ausbreitung über die Grenzen des Gebietes hinaus tun sich die Hamster schwer.

Laut Weinhold leben hier rund 80 seiner Zöglinge, im Zoo wachsen etwa 200 nach. In der Forschung streitet man, wo die Mindestgrenze liegt, um von einer gesicherten Population zu sprechen, es schwankt zwischen 50 und 500. Immerhin: seit ein paar Jahren steigt die Zahl der Überlebenden. „Wir müssen aber auch dafür Sorge tragen, dass in Deutschlands letztem großen Feldhamster-Refugium keine Inzucht entsteht“, sagt der „Hamsterpapst“.