Schulden-Ranking Die Pleite-Stadt Aulendorf berappelt sich

Die Zahlen zeigen’s: Aulendorf entwickelt sich gut. Für Bürgermeister Matthias Burth und die Bürger ist das Sparen aber noch nicht vorbei.
Die Zahlen zeigen’s: Aulendorf entwickelt sich gut. Für Bürgermeister Matthias Burth und die Bürger ist das Sparen aber noch nicht vorbei. © Foto: Joachim E. Roettgers/Graffiti
Aulendorf / Von Alfred Wiedemann 27.06.2018

Um Mitternacht gehen die Lichter aus im kleinen Aulendorf, da kann es noch so zappenduster sein. Erst um 5 Uhr früh wird die Straßenbeleuchtung für die 10 000 Einwohner wieder angeknipst. Die Stadt im Kreis Ravensburg muss sparen. Auch bei der Stromrechnung.

61,7 Millionen Euro Schulden verbuchte die Kommune vor zehn Jahren im Kernhaushalt und bei den Eigenbetrieben. Machte pro Kopf stolze 6300 Euro. Das bedeutete  mit Abstand Klassenletzer unter 1101 Kommunen in Baden-Württemberg. Ohne Hilfe vom Land geht bei solch einem Schuldenberg gar nichts mehr. Und das Land half mit Zinszuschüssen und Tilgungshilfen, insgesamt 25 Millionen Euro. Heute sind die Schulden halbiert. Immer noch ist die Pro-Kopf-Verschuldung fast drei Mal so hoch wie im Landesschnitt, aber andere Gemeinden strecken – pro Kopf – tiefer in roten Zahlen: Bad Liebenzell, Altensteig oder Feldberg etwa.

Die Millionenhilfe gab es nur, wenn eisern gespart wurde. Jahr für Jahr legt der Gemeinderat ein Sparkonzept vor. Jede Ausgabe über 10 000 Euro musste vom Ravensburger Landratsamt genehmigt werden. „Das war ein riesiger Verwaltungsaufwand“, sagt Bürgermeister Matthias Burth (parteilos). 2013 wurde die Hürde auf 50 000 Euro erhöht.

Die Stadt erfüllte aber alle Verpflichtungen aus dem Hilfsvertrag mit dem Land. „Das bedeutete natürlich Einschnitte für die Bürger“, sagt Burth. Verkauft wurde alles, was sich versilbern ließ, auch der Gemeindewald. Beim Unterhalt von Straßen und Einrichtungen wurden Kosten gedrückt. Für mehr Einnahmen wurde an der Abgabeschraube gedreht: Aulendorfern wird bei der Grundsteuer so tief in den Geldbeutel gegriffen wie sonst nirgends im Südwesten.

Der Aufstand ist trotzdem ausgeblieben. „Weil allen klar war, dass sich beim Sparen kein großes schwarzes Loch auftut“, sagt Burth, Licht am Ende des Tunnels, das waren die Millionen vom Land. „Funktioniert hat das nur“, sagt der Bürgermeister, „weil alle mitgemacht haben“ – Finanzaufsicht und Gemeinderat und viele, viele ehrenamtlich engagierte Aulendorfer. Eltern packten an und ermöglichten die Grundschulerweiterung, Feuerwehrhäuser wurden ehrenamtlich ausgebaut, das Naturfreibad von einem Verein gerettet.

„Einen echten Neuanfang“, hatte Burth vor seiner Wahl 2008 versprochen. Seinen beiden Vorgängern wird angelastet, den Ort tief in die roten Zahlen bugsiert zu haben mit Misswirtschaft der Kurbetriebe. Der Diplomverwaltungswirt Burth siegte klar bei der Bürgermeisterwahl. Nach den Schuldigen für die Misere befragt, sagt er heute: „Das kann man nicht an einer Person festmachen.“ Zu spät sei reagiert worden, zu spät erkannt worden, dass man sich von den Kureinrichtungen trennen musste. Umsteuern wollte zu lange niemand: Rathauschef, Gemeinderat, Kommunalaufsicht.

2016 mit 96 Prozent im Amt bestätigt, gab es jetzt Lob für den Rathauschef vom örtlichen Landtagsabgeordneten. Raimund Haser (CDU) fragte die Landesregierung nach Zahlen zur Entwicklung Aulendorfs. Die Auskunft gefiel. „Aulendorf mausert sich langsam und stetig zur Vorzeigekommune“, so Haser. Das  Finanzministerium bescheinigte Bürgermeister Burth und seinem Gemeinderat einen ordentliche Konsolidierungskurs und das Einhalten aller Spar-Verpflichtungen. Die finanzielle Lage sei „dauerhaft stabilisiert“ worden. Auch durch den vielfältigen Einsatz der Bürger, schreibt das Finanzministerium in der Antwort auf Hasers Landtagsanfrage. Auch Bürgermeister Burth streicht das heraus: „Der Erfolg hat viele Väter.“

Aulendorf hat sich tatsächlich gut entwickelt: Der Reisemobilhersteller Carthago siedelte sich an und brachte Arbeitsplätze, die Rehakliniken im Ort sind gut belegt, der Tourismus läuft. „Aulendorf liegt gut zwischen Ulm und dem Bodensee“ sagt Burth. „Wir sind eine Zuzugsregion.“

Alles rosarot also? Damit Aulendorf eine „Vorzeigekommune“ wird, müsse die Stadtverwaltung noch ordentlich klotzen, sagt Gemeinderätin Karin Halder vom „Bündnis für Umwelt und Soziales“, mit vier Mitgliedern  zweitgrößte Fraktion im Rat. Ein dringend benötigter Kindergarten sei nicht in Sicht, die Grundschule platze aus allen Nähten, städtische Gewerbefläche sei keine mehr vorhanden, und von einem Konzept für bezahlbaren Wohnraum auch keine Spur. Mit dem Geld vom Land und dem Einsatz der Bürger stehe Aulendorf finanziell inzwischen tatsächlich wieder gut da, sagt Halder. „Man könnte jetzt was tun.“

Einen Investitionsstau sieht auch  Gemeinderat Hans-Peter Reck von der größten Fraktion, der CDU. „Da ist an vielen Stellen viel zu tun.“

Das Sparen ist aber nicht vorbei: Eine „strikte Ausgabendisziplin bleibt oberstes Gebot“, fordert das Finanzministerium in der Anfrage-Antwort. „Die Konsolidierung geht weiter“, versichert Bürgermeister Burth. Da darf der Blumenschmuck um Schloss und Bahnhof nicht täuschen. Der ist die Ausnahme. „Die Pflege der anderen städtischen Grünflächen  wurde eingeschränkt“, sagt Bürgermeister Burth. „Die Flächen wurden eingesät und werden gemäht.“ Mehr Blumen gibt es erst, wenn die Zeiten in Aulendorf besser sind.

Höherer Grundsteuersatz als im teuren Freiburg

750 Prozent Hebesatz bei der Grundsteuer B gelten in Aulendorf. Bis 2016 waren es 800 Prozent. Das ist Rekord im Südwesten und liegt sogar noch über den 600 Prozent Hebesatz im teuren Freiburg. Im Landesschnitt waren es 391 Prozent im Jahr 2016. Der Hebesatz bestimmt die Höhe der Steuer, die Grundstückseigentümer zahlen. Er wird vom Gemeinderat festgelegt. aw

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