Natur Die leise Botschaft der Bäume - Wald für Freizeit und Lernen

Hinauf zum freien Rundblick auf und über den Schwarzwald: der Baumwipfelpfad in Bad Wildbad.
Hinauf zum freien Rundblick auf und über den Schwarzwald: der Baumwipfelpfad in Bad Wildbad. © Foto: dpa
lsw 24.11.2016

Schon ein zarter Schubs genügt, um die 20 Meter hohe Fichte mit ihrer zerzausten Krone ins Schwanken zu bringen. Von unten ginge das nicht. Der Holzsteg des Baumwipfelpfads in Bad Wildbad aber führt Besucher zu den Kronen der größten Bäume. Lernstationen mit Erklärungen und Wissensspielen unterbrechen den langsam ansteigenden Weg, bevor ein Aussichtsturm mit 40 Metern Höhe den freien Rundblick über den nördlichen Schwarzwald ermöglicht, bei klarer Sicht bis zur Schwäbischen Alb und einigen Gipfeln der Schweizer Alpen.

David Klein und Tony Merkel haben während einer Tageswanderung einen Abstecher zum Baumwipfelpfad gemacht. „Für die Region finde ich es genial“, sagt der 35 Jahre alte Klein, der aus Pforzheim kommt. Der 27-jährige Merkel aus Stuttgart empfiehlt die Anlage vor allem für Familien mit Kindern. „Es ist ein gutes Ausflugsziel.“

Solche Reaktionen der Besucher bekommt Esra Pastoors immer wieder mit. Sie ist beim kommerziellen Betreiber der Anlage, der Freizeit Akademie AG, für das Marketing in Bad Wildbad zuständig.

Viele Gäste seien schon von der ungewöhnlichen Architektur des hölzernen Turmes auf dem Sommerberg beeindruckt, sagt Pastoors. Im ersten vollen Betriebsjahr 2015 kamen 250­ 000 Besucher: Nordschwarzwald-Urlauber und Tagesausflügler aus einem Umkreis von etwa 150 Kilometern.

Eine weitere Möglichkeit, den Wald aus luftiger Höhe zu erkunden, gibt es in Waldkirch im Südschwarzwald. Dort ist das Angebot mit einem Sinnenweg kombiniert.

In Deutschland gibt es noch mehr Wipfelpfade, unter anderem in Mecklenburg-Vorpommern, Bayern oder dem Saarland. Die Anbieter folgen dem Trend, Ausflugs- und Freizeitangebote mit neuartigen Naturerlebnissen und Bildung zu verbinden. Nach Angaben der Landesforstverwaltung ForstBW ist der Wald mit täglich zwei Millionen Besuchern die beliebteste öffentliche Freizeiteinrichtung im Land.

Der Zukunftsforscher Horst Opaschowski beobachtet seit der Jahrtausendwende eine wachsende Sehnsucht der Deutschen nach Stabilität und Sicherheit, Echtheit, Natürlichkeit, Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit. „Spaß und Unterhaltung schließen Ernst und Werthaltigkeit nicht mehr aus. Entertainment wird als Infotainment und Edutainment weiterentwickelt.“ Die bloße „Ich-will-Spaß-Welle“ sei vorbei.

Nicht nur die Ansprüche an die Arbeitswelt werden Opaschowskis Überzeugung nach höher, sondern auch die Ansprüche an das Freizeitverhalten. „Die Deutschen werden nicht plötzlich Kultur- oder Naturliebhaber, fragen aber nach dem Mehrwert eines Angebots.“ So sei die Nachfrage nach Natur- und Baumwipfelpfaden sowie neuen Lehr- und Lernwelten zu erklären, die das Leben bereichern hälfen und nicht nur zur Bespaßung beitrügen.

Im Nationalpark Schwarzwald wollen die meisten Besucher das Naturerlebnis genießen. Jeder Elfte habe in einer Studie aber angegeben, gezielt nach neuem Wissen zu suchen, sagt der Nationalparkdirektor Thomas Waldenspuhl. Dabei helfen Ranger, es gibt Themenpfade und Veranstaltungen. „Unsere Führungen werden enorm nachgefragt.“

Im Frühjahr 2019 soll das neue Besucher- und Informationszentrum auf dem Ruhestein zur Verfügung stehen. Dort können die Gäste in einer multimedialen Ausstellung Informationen zum Nationalpark finden, sagt Waldenspuhl. „Jeder kann entscheiden, wie tief er in das Thema eindringen möchte.“

Was bringt ein Besuch im Nationalpark? Waldenspuhl: „Die Wildnispädagogen bei uns sagen, wenn sie mit einer Gruppe losgehen und den Wald bewusst erfühlen lassen, dann kommen die Menschen zum größten Teil anders zurück.“ Ein Gang durch den Nationalpark sei ein Aufbruch in eine Welt, in der man seine fünf Sinne wieder erleben könne.

Forstminister Peter Hauk (CDU) misst dem Wald für die Entwicklung von Kindern große Bedeutung zu. „Unser Wald eignet sich hervorragend als Lernort für Kinder, da sie dort Spannendes erleben können und so spielend viel über den Wald und die Zusammenhänge dieses wichtigen Ökosystems lernen“, betonte er nach einem Besuch im Haus des Waldes in Stuttgart. „Durch Aktionen, Spiele, Szenarien, Forschen, Gestalten und Arbeiten erleben die Kinder den Wald mit Kopf, Herz und Hand.“

Walderlebnisse in Baden-Württemberg

Baden-Württemberg gehört zu den waldreichen Bundesländern. Auf rund 14 000 Quadratkilometern wächst Wald; das sind etwa 39 Prozent der Landesfläche. Nach Angaben der Landesforstverwaltung ForstBW kommen jedes Jahr zwei Quadratkilometer dazu. Der Wald dient nicht nur der Holzgewinnung, dem Klimaschutz und als Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Er ist auch Freizeit-, Erholungs- und Lernort für Menschen. Seit 1995 gehört die Waldpädagogik zu den Aufgaben von ForstBW.

Das Haus des Waldes von der ForstBW und der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald in Stuttgart ist das zentrale Informationszentrum. Dort wird auch Weiterbildung für Pädagogen angeboten. In Freiburg und Mannheim gibt es Waldhäuser, in Ottersweier eine Walderlebnisstation und in Karlsruhe die Waldpädagogik. In Biberach gibt es dafür eine Waldschule und in Kaltenbronn ein Wald- und Moorklassenzimmer. Schließlich ist ForstBW noch mit einem Waldmobil unterwegs. Zahlreiche Gemeinden unterhalten Erlebnis- oder Lehrpfade, auch in Kombination mit einem Weinerlebnispfad wie in Obersulm. dpa