Musik Die Köberleins: Eher nicht typisierbar

Pfäffingen / Claudia Reicherter 03.11.2016

Sie sagen „schier gar“ statt „fast“. „Hald dei Gosch“ statt „sei still“. Und „du bisch doch a Seggl“ – der schwäbische Ausruf kann zwischen „ich find’ dich wunderbar“ und „wie kannst du nur, du asozialer Vollidiot?!?“ so viele Bedeutungen annehmen, dass er im Prinzip nicht übersetzbar ist. Zur Langenauer Kulturnacht äußern sie dies im proppenvollen Pfleghofsaal ganz ungeniert vor Publikum – wie an geschätzt 40 bis 60 ähnlichen Terminen im Jahr mit dem Grachmusikoff Trio oder der kompletten fünfköpfigen Band auch. Aber ob sie typische Schwaben sind, das finden die beiden, um die es hier geht, die Zwillingsbrüder Georg und Alexander Köberlein, dennoch diskussionswürdig.

Ihre Fans würden der These wohl zustimmen. Singt das Brüderpaar aus Bad Schussenried dem Volk zwischen Albeck, Leutkirch und Zuffenhausen doch seit bald 40 Jahren aus der Seele. Die beiden haben mit ihren Bands Grachmusikoff und Schwoißfuaß den oberschwäbischen Dialekt erst rockmusikfähig gemacht. „Sprache und Musik haben jeweils eine eigene Energie. Die wollten wir zusammenbringen“, sagt Alex Köberlein. Mit „Heit gibts koine Indianer me“, „Oiner isch emmer dr Arsch“, „Ikarus vom Lautertal“ und „Keiner ischt gefeit“ loten die beiden Historie und Charakterzüge der Schwaben in unterschiedlichsten Facetten aus.

Vor der Gründung der noch immer fleißig tourenden Grachmusikoff 1978 gab es zwar schon andere populäre Dialekt-Musiker im deutschen Südwesten: den Stammheimer Wolle Kriwanek („Bad’Wanna Blues“, 1976, „Reggae Di uff“, 1981) etwa, und den Hundersinger Thomas Felder („Muschdrlendle“, 1977). Aber die waren musikalisch dem Blues oder Protestsong eher verpflichtet als Hardrock mit Fun-Pop und Ska wie die Köberleins in ihren witzig-wilden Shows. Und „Stuttgarterschwäbisch klingt auch im Bluesrock betulich“, findet Alex Köberlein.

Der erstgeborene Zwilling, Georg Köberlein, meint:  „Mein Verhältnis zu mir als Schwob ist eher nicht typisierbar.“ Und trotz seiner unvergesslichen Typisierung des diametral gegenläufigen Gesprächigkeitsgrads bei regionalen Repräsentanten aus Nord und Süd im Song „Fischkopf“ gibt Alex Köberlein, der sich im Bandgefüge als „der Außenminister“ sieht,  erklärend zu bedenken: „Mir wared jo Flichtlingskender“  – sie waren Flüchtlingskinder, wie Grachmusikoff-Gitarrist Hansi Fink, Wolle Kriwanek und Hartmut Engler von Pur übrigens auch.

„Als Kleinkind hörte ich nur den wolgadeutschen Dialekt meiner Eltern, ein Misch­masch aus fränkisch-bayerisch-pälzisch-schwäbischer Mundart“, sagt Georg. Als die beiden am 19. November 1951 geborenen eineiigen Zwillinge sechs Jahre alt waren, habe die Mutter mit dem Argument „Mir sein kona Schwoba“ gefordert, dass sie nicht zu den schwäbischen Buben gehen. „Wahrscheinlich gefiel ihr unser Kindergarten-Schwäbisch nicht.“ Aber Gleichaltrigenrotz ist dicker als Blut – die Peergroup färbte ab, und spätestens „in der Oberschule“ wurde dem späteren Lehrer Georg bewusst, „dass ich mit Hochdeutschreden ein echtes Problem hatte“.

Erst als er Jahre später an der damaligen Pädagogischen Hochschule in Reutlingen Deutsch und Musik studierte, „gelang es mir dann im dritten Semester, meinen ersten hochdeutschen Satz im Seminar angstfrei zu artikulieren“, berichtet der Grachmusikoff-Sänger, -Gitarrist und -Posaunist, der heute nach diversen Stationen im Ländle wieder in seiner Geburtsstadt lebt. „Pikanterweise gab es über zwei Semester lang ein Rededuell zwischen mir und Professor Feinäugle über die Frage, ob und inwieweit der kommunikative Gebrauch der schwäbischen Mundart im Deutschunterricht sinnvoll sei. Feinäugle war vehement dagegen, ich war stets dafür.“ Ironie der Geschichte: „18 Jahre später war Feinäugle Vorsitzender des Schwäbischen Mundartvereins und hat in Pfullendorf ein Grachmusikoff-Konzert angekündigt.“

Musikalisch sehen sich die Zwillinge, die demnächst 65 werden, in der Tradition von BAP, Spider Murphy Gang und Udo Lindenberg, der den Slang in der deutschen Rockmusik einführte. „Wir wollten musikalisch gut  sein, waren Rock-Jazz-ambitioniert, stark von Guru Guru und Kraan beeinflusst“, sagt Alex Köberlein. Vorbilder in Sachen Show, Theatralik, aber auch dem Ironisch-Spielerischen im Werk der Köberleins waren zudem Frank Zappa und Schröder Road Show.

Erstmals als Igor, Boris und Nikita Grachmusikoff stellten sie sich mit Hansi Fink auf die Bühne, nachdem Georg beim Protest gegen die Schließung des Schussenrieder Jugendhauses „D’Marie hockt dussa ond pläret“ gesungen hatte, eine Mundart-Version von „Mariechen saß weinend im Garten“. Dazu kam „die Entdeckung, dass es mit dem Oberschwäbischen auch möglich war, die emotionale Tiefe auszudrücken“, die sie als Jugendliche empfanden und neben Sozialkritik auf trocken-humorvolle Art in ihrer Musik verarbeiten wollten.

Weil der um zwei Zentimeter kleinere Georg geheiratet und eine Familienauszeit als Bandmusiker angekündigt hatte, gründete Alex schon ein Jahr nach der Blues-Blosn-Fun-Band mit Musikern der Reutlinger Gartenweg Blues Band seine Zweitband Schwoißfuaß, von der viele meinen, sie sei der Vorläufer der langlebigeren Grachmusikoff. Diese rockigere, politischere Combo war während ihres Bestehens von 1979 bis 1986 – 1996 folgte eine Revival-Tour – noch weit populärer als Grachmusikoff, die bis Mitte der 90er Jahre als Indie-Band ohne größere Plattenfirma im Rücken noch Hallen und Bierzelte mit 1300 Leuten füllten.

Alex Köberlein, der singt, Saxophon und Keyboards spielt, meint zwar, dass „es den typischen, aufmüpfigen Schwaben gar nicht mehr gibt“. Der sei mit der Bürgerlichen Revolution 1848 vertrieben oder „heg’macht“ worden. Doch er und sein Bruder waren als Kinder im Fußball- und Musikverein, schafften auf dem Bau, fuhren als Jugendliche Kohlen aus, hatten mit Mitte 30 den ersten Bandscheibenvorfall, leben heute zurückgezogen und reisen nicht gern ins Ausland. „Mir drängad stark hoim.“ Auch vor dem „Häuslebaua“ waren sie nicht gefeit: Alex renovierte 20 Jahre lang ein altes Bauernhaus in Pfäffingen bei Tübingen, in dem er bis heute sein Heimstudio sowie die Headquarters beider Bands unterhält. „I hock gern in meiner Bude.“ Vielleicht hätten sie als Flüchtlingssprösslinge bäuerlicher Prägung „die schwäbische Mentalität des Aufbauens gelebt“, meint er. Und resümiert: „Der typische Schwabe ist eben dieser Mischling, der auch ein Flüchtling sein kann.“

Georg fand sich mit der inneren Zerrissenheit ebenfalls ab: „Heute ist es mir gleich, ob ich Lieder auf Schwäbisch oder Hochdeutsch mache.“ 2017 soll mit beiden Bands jedoch endgültig Schluss sein. „Wir wollen auch mal Samstagmittag Sportschau gucken“, sagt Alex Köberlein.

Fragebogen

Was ist für Sie schwäbisch? Georg Köberlein: Erstens wohl der eigenartige Dialekt, der bei vielen Schwaben auch durchrutscht, wenn sie versuchen, Hochdeutsch zu sprechen (Öttinger, Kinkel). Wenn man so was im Fernsehen hört, kann man schon mal bissle lacha. Zweitens: das notorische Minderwertigkeitsgefühl des Schwaben.

Gibt es etwas, das Sie nicht ­mögen? Georg Köberlein: Wenn sich schwäbische Vereine und Gruppen in oberbayerische Tracht werfen und mit oberbayerischen Liedern und Tänzen sogenannte „schwäbische Brauchtums­pflege“ betreiben.

Ihr schwäbisches Lieblingswort? Georg Köberlein: Am besten gefallen mir solche typischen schwäbischen Absurd-Sprüche wie „Komm gang!“ oder „Wer bei dem Wetter id grank wird, der isch id gsond“.

Ihr Lieblingsschwabe? Alex Köberlein: Dododay. Weil er die schwäbische Alltagssprache adäquat rüberbringt – ohne sie zu verbiegen, zu verkünsteln oder zu verklären, und ihr dadurch ihren Zauber wiedergibt.

Ihr Lieblingsort (in Schwaben)? Alex Köberlein: Immer noch Schussenried, obwohl ich seit Anfang der 70er weg bin von dort. Vor allem der Wald, in dem wir Indianer spielten oder vom Bauern verprügelt wurden. Nur dort laufe ich auch gern rum, ansonsten tu ich mir mit Rumlaufen etwas schwer.

Ihr Lieblingsessen? Alex Köberlein: „Kardoffl un Kleß“, ein wolgadeutsches Arme-Leute-Gericht mit Sauerkraut und Rauchfleischstückchen.

Ende 2017 soll mit beiden Bands Schluss sein

Termine Mit Grachmusikoff oder dem
Grachmusikoff Trio sind die Brüder Köberlein demnächst live zu sehen: am 18. November im Schloss Großlaupheim, am 19. in der Weckensteinhalle in Storzingen, am 26. im „Adler“ in Meidelstetten; am 10. Dezember im „Kulturhaus Kloster“ in Horb, am 17. in der „Diesel­straße“ in Esslingen und traditionell zum
Jahresende in Tübingen von 26. bis
28. Dezember, und zwar seit es den „Zoo“
nicht mehr gibt im „Sud­haus“. Im Januar 2017 spielen sie am 4./5. im „Hirsch“ in Glems, am 14. in der „Zehntscheuer“ Ravensburg,
19.-21. im „Laborato­rium“ in Stuttgart, am
28. in der „Zehntscheuer“ Kirchheim-Nabern. Am 3. Februar führt die Abschiedstour unter
anderem in die Geislinger „Rätsche“ und am 20. Mai nach Bad Urach.

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