Ulm Die Berlin-Exilantin: Schwabylon für Anfänger: Der Prenzlauer Berg

Ulm / ULRIKE SOSALLA 08.10.2016
Die Berlin-Exilantin: Vor dem Umzug unken die Nachbarn. Doch Schwaben ist eben auch nicht mehr so kleingeistig, wie es mal war, sagt <i>Nachrichtenchefin Ulrike Sosalla.</i>

Am Anfang schien alles ganz logisch. Bevor ich nach Schwaben zog, wohnte ich ja schon fast in Schwaben. Genau genommen in Schwabylon, besser bekannt als Prenzlauer Berg. Das gehört rein geographisch zwar zu Berlin, ist gefühlt aber so eine Art Tübingen, nur mit höheren Häusern, noch mehr Kneipen und unregelmäßiger Straßenreinigung. Als ich im Streichorchester meiner Tochter ankündigte, dass wir demnächst in Ulm musizieren würden, stellte sich heraus, dass mindestens die Hälfte der Kinder Großeltern in der Gegend hatte und fachkundig von frisch geschabten Spätzle schwärmen konnte. Unsere eigenen Kinder bereiteten wir mit Besuchen in der „Maultasche“ (Eigenwerbung: „Echt schwäbische Feinkost“) auf die kulinarische Umstellung vor. Out of Schwabylon für Anfänger.

Natürlich kam es anders. In Ulm stellte ich schnell fest, dass das Idiom, das unsere neuen Nachbarn pflegen, nur ansatzweise etwas mit dem jahrzehntelang domestizierten Honoratiorenschwäbisch der Expatriates in der Hauptstadt  zu tun hat. Also: Crashkurs an den Gartenzäunen der Umgebung, immer freundlich nicken, auch wenn man kein Wort versteht.

Und auch sonst war auf die Berliner Ex-Schwaben kein Verlass: Was hatten sie geunkt, dass wir als Migrantenfamilie uns in der Reihenhaussiedlung schwer tun würden. Ulm isch eben ned Berlin. Aber auch Schwaben ist nicht mehr so wie vor 30 Jahren. Unsere Nachbarn sind Schwaben, Italiener, Kosovaren und Badener. Und die Kopftuchmütter in der Schule sprechen ein Schwäbisch, von dem ich noch viel lernen kann.

Zur Person Nachrichtenchefin Ulrike Sosalla ist im Saarland geboren und arbeitete lange in Berlin, unter anderem für die „Financial Times Deutschland“.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel