Ulm Die Bayerin: Heimat aus dem Kochtopf

Ulm / LENA GRUNDHUBER 08.10.2016
Die Bayerin: Maultaschen, Obstbäume, Grasdackel – die schwäbische Großmutter war die beste Vorbereitung auf UIm für <i>Kulturredakteurin Lena Grundhuber</i>.

Meine Großmutter war ja der Ansicht, sie spreche kaum Dialekt. Schließlich lebte sie jahrzehntelang in Oberbayern und war mit einem ausgesprochen oberbayerischen Mann verheiratet, der notorisch auf Berge stieg und schon deshalb (und wahrscheinlich aus Prinzip) so gut wie niemals pünktlich zum Mittagessen erschien. Am Essen selbst kann es nicht gelegen haben: Selbstgemachte Maultaschen, Spätzle, Gaisburger Marsch, Kartoffelsalat – ja freilich, mit Essig und Öl –, damit bin ich aufgewachsen. Denn meine Oma kam aus der Stuttgarter Gegend und lebte als kleiner schwäbischer Planet mitten in Bayern, wo sie sich verdächtig bereitwillig integriert hatte. Eine glühendere Lokalpatriotin ließ sich in der ganzen Kleinstadt kaum finden – auch wenn die Frau natürlich schwäbisch schwätzte, und wie!

Zurück in die Heimat schien sie aber nichts zu ziehen. Warum, das begriff ich erst, als ich selbst nach Ulm gezogen war und das erste Mal am Stuttgarter Hauptbahnhof ausstieg. Die Stadt, in der meine Großmutter vor dem Krieg gelebt hatte, existiert so nicht mehr. Vom Schlossgartenhotel, in dem sie gearbeitet hatte – ein Mythos meiner Kindheit – habe ich nur noch den Namen vorgefunden. Für das, was an Heimat übrig war, reichte ihr ein Kochtopf. Meine Oma ist in Bayern geblieben und gestorben. Dafür bin ich jetzt da, wo sie herkam, und wenn ich an euren Streuobstwiesen vorbeifahre, denke ich an ihre geliebten Apfelbäume im Garten.

Manche Wörter existieren für mich nur auf Schwäbisch. Die „Flädermaus“ zum Beispiel – Lieblingsoperette der Kriegsgeneration. Und natürlich der „Grasdackel“, den ich mir seit früher Kindheit als lustiges Tierchen mit weichem Rasenfell vorstelle. Ich weiß, Ihr Tüftler habt‘s nicht so mit Lob, aber das Wort ist eine eurer besten Erfindungen. Weil darin ein Humor steckt, den ihr ruhig öfter mal rauslassen dürft – ha noi, wir sage’s auch bestimmt nicht weiter.

Zur Person Kulturredakteurin Lena Grundhuber ist in München aufgewachsen und arbeitete einige Jahre für die „Süddeutsche Zeitung“ in Ebersberg, mitten in Oberbayern.

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