Ehemalige Heimkinder und die evangelische Brüdergemeinde Korntal (Kreis Ludwigsburg) streiten um die Aufarbeitung von Missbrauchsvorwürfen in zwei Kinderheimen. Träger ist die Diakonie der Brüdergemeinde. Nun hat die Gemeinschaft die Landshuter Professorin Mechthild Wolff als unabhängige Leiterin der Aufarbeitung benannt. Doch die Heimkinder und ihre Unterstützer fühlen sich ein weiteres Mal hintergangen. Sie bringen einen eigenen Kandidaten ins Gespräch.

Mittlerweile mehr als 200 ehemalige Heimkinder werfen der Brüdergemeinde vor, dass Mitglieder und Beschäftigte in den Kinderheimen sie zwischen 1959 und 1975 sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt hätten. "Wir haben schon Anlass, davon auszugehen, dass einiges davon zutrifft", sagte der Sprecher der Brüdergemeinde, Manuel Liesenfeld. Es gebe nur eine Chance, dass die Brüdergemeinde ihre "Glaubwürdigkeit" wieder erlange - wenn eine unabhängige Stelle mit den Heimkindern an der Aufarbeitung beteiligt werde. Ein ehemaliges Heimkind hat die Einrichtung bereits auf 1,1 Millionen Euro Schadensersatz verklagt.

"Wir sehen das schon positiv, dass sie was tun wollen", sagte eine Sprecherin der Interessengemeinschaft Heimkinder zu der Ankündigung. "Aber sie haben es wieder so gemacht, dass sie nicht mit uns gesprochen haben." Demnach sei vereinbart gewesen, dass beide Seiten sich auf einen Mediator für gemeinsame Gespräche einigten.

Einige Betroffene sehen zudem kritisch, dass Wolff Verbindungen zur Diakonie hat. Die Professorin ist unter anderem Mitglied des Fachbeirates beim Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung zu Fragen des sexuellen Missbrauchs.

Nach Angaben eines Sprechers der "Opferhilfe Korntal" hätten sich die Brüder mit der Opferhilfe zudem darauf verständigt, im Januar mit dem Kriminologen und ehemaligen niedersächsischen Justizminister, Christian Pfeiffer, als möglichen Mediator zu sprechen. Das Vorgehen der Brüder jetzt sei "unverschämt". Seit Monaten fordert die Interessengemeinschaft Heimkinder einen persönlichen Austausch mit den heutigen Verantwortlichen, aber auch eine Aufarbeitung der Geschichte durch eine unabhängige Stelle. Die Brüdergemeinde hat Gespräche angeboten, allerdings kam es bisher nicht zum Treffen.