Böblingen Der tägliche Kampf gegen immer neue Risse in der Wand

Risse durchziehen Häuser in Böblingen. Erdhebungen sind schuld, vermutete Ursache: Erdwärmebohrungen. Foto: dpa
Risse durchziehen Häuser in Böblingen. Erdhebungen sind schuld, vermutete Ursache: Erdwärmebohrungen. Foto: dpa
Böblingen / WENKE BÖHM, DPA 26.10.2013
Wie fühlt es sich an, wenn die Altersvorsorge unten den Füßen zerbröselt? Dieter Eger erfährt das gerade schmerzhaft. Sein Haus reißt an allen Ecken und Enden, weil sich die Erde in Böblingen hebt.

Vor einiger Zeit ist die Angst in das Haus an der Altinger Straße in Böblingen gezogen. "Morgens führt mein erster Weg in den Keller, abends nach der Arbeit führt der erste Weg in den Keller", berichtet Dieter Eger. Risse sind es, die ihm große Sorgen machen. Wie Krampfadern ziehen sie sich über Wände, Böden, Decken. Täglich werden es mehr. Kurz hinter der Kellertreppe gehen sie inzwischen rundum.

Eger ist einer der Leidtragenden eines Dramas, das sich nüchtern so liest: "In Böblingen hebt sich die Erde. 80 Häuser haben Risse oder andere Schäden." "Es wurde alles bagatellisiert. Jetzt haben wir hier den Zustand, dass der Keller in zwei Teile gerissen wurde", sagt Eger mit hörbarem Sarkasmus. Der Vater zweier erwachsener Söhne bangt um die Leitungen für Gas, Wasser und Strom, die durch die Bewegungen zum Teil schon sichtlich unter Spannung stehen. "Wir haben Bedenken, dass hier etwas knallt und das Ganze zusammenfällt."

Vor einer Weile hat es den Handlauf an der Treppe zum Eingang samt Verankerung aus der Wand gerissen. Dass es zudem durch die Ritzen in der Außenwand in die Wohnräume zieht, wird angesichts der großen Sorgen fast zur Nebensache.

Schon 2009 zeigen sich die ersten kleinen Haarrisse. Eger, der eher ruhig und besonnen wirkt, hat zunächst die Bauarbeiten in der Straße im Verdacht - und bleibt gelassen. Doch das soll sich ändern. "Es wurde immer schlimmer. 2011 sind wir aktiv geworden."

Inzwischen weiß der Hausbesitzer, dass die Bauarbeiten wohl nicht der Grund sind. Der Landrat habe ihm vor wenigen Tagen bei einem Besuch gesagt, dass Geothermiebohrungen im Gipskeuper als wahrscheinliche Ursache gelten. Das undichte Bohrloch ist noch nicht gefunden. Von den Bohrungen wusste er damals nichts, sagt Eger.

Es ist ein ungleicher Kampf, den Eger seit Monaten führt. Er spachtelt mal hier, stopft mal da. Notdürftig. Lange hält es nie, denn die Risse wachsen zu schnell. Das Haupthaus aus den 50er Jahren neigt sich langsam zur Straße hin, rückt so vom Anbau ab. Im Obergeschoss sind die Risse bis zu drei Zentimeter groß. Urlaub haben er und seine Lebensgefährtin erst einmal gestrichen. Zu groß ist die Angst, dass in ihrer Abwesenheit etwas mit dem Haus passiert. "Das kann man keinem Nachbarn zumuten." Knapp zehn Firmen lässt Eger kommen, um das Unheil irgendwie zu stoppen. "Alle sagen, so lange der Untergrund arbeitet, können alle Maßnahmen nur vorübergehend sein." Einige Firmen sprechen von Totalschaden. "Unsere Altersvorsorge zerbröselt langsam." Er und die anderen Geschädigten haben sich über die Internetseite www.erde-hebt-sich.de vernetzt. Er habe den zweitgrößten Schaden, schätzt Eger. Jenseits des Berges würden sie schon über einen Auszug nachdenken.

"Sie", das sind Antonio La Marra und seine Familie. Sie können durch die Risse im Obergeschoss den Himmel sehen. Die Haustür geht nur noch schwer zu. "Wichtig wäre, dass man das Problem stoppt. Das Ausbessern kann man auch lassen", sagt der Familienvater. Den Keller hat er mit Stützen gesichert. Die Familie habe Angst. Angesichts der immensen Schäden hält er die Soforthilfe - Kredite von 5000 Euro für 30 Häuslebesitzer - für wenig hilfreich. "Das bringt nichts." Um die Zukunft macht er sich große Sorgen: "Ich weiß nicht, ob wir im Winter noch hier wohnen können."

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