Schwäbisch Hall / Fabian Ziehe  Uhr

Warum etwas verändern? Zumal die Szenerie schon fast zu idyllisch wirkt: Vogelgezwitscher, sattes Grün, blauer Himmel. Einzelne Häuser stehen in einer Parklandschaft – alles friedlich, alles sicher. Gerade düsen zwei junge Bewohner mit Kettcars vorbei, halsbrecherisch. Autos oder unbedarfte Passanten müssen sie kaum fürchten.

Doch: Beim Gang durch die dia­konische Behinderteneinrichtung am Rand von Schwäbisch Hall zeigen Sonnenhof-Vorstand Michael Werner und Stadtplaner Albrecht Reuß mal da-, mal dorthin. Abriss, Neubau, Umbau: In den kommenden zwölf Jahren soll es mit der Ruhe auf dem rund zehn Hektar großen Areal vorbei sein. Trotz aller Idylle tue Veränderung Not. Schwäbisch Hall und der Sonnenhof sollen zusammenwachsen.

Die Gründe dafür sind vielfältig – angefangen bei der UN-Behindertenrechtskonvention, die die Teilhabe aller am Gemeinwesen („Inklusion“) festschreibt. Das hat etwa das Bundesteilhabegesetz, die Landesheimbauverordnung und das Gesetz für unterstützende Wohnformen, Teilhabe und Pflege beeinflusst. Regeln, die der Stadt Schwäbisch Hall nun ein neues Quartier bescheren.

Ausgangspunkt waren die drei „Kinderhäuser“: „Die können nicht renoviert werden“, sagt Werner. Bisher hatte man mal da etwas um-, dort etwas neugebaut. Nun aber wollte man einen Masterplan, eine städtebauliche Gliederung. Das Stammareal sollte sein Inseldasein aufgeben und Raum für jedermann bieten. Dabei brauche es weiter „Schutz- und Freiräume“ für Sonnenhof-Bewohner. So lobte man einen Ideenwettbewerb aus,  elf Planungsbüros beteiligten sich. Der Sieger, das Pfullinger Büro Citiplan, wurde Ende 2015 gekürt. Die Jury erklärte: „Der Entwurf überzeugt in seiner Durchgängigkeit, ohne isolierte Quartiere im Gebiet zu schaffen.“

Gewachsene Strukturen

Citiplan-Chef Reuß steht vor der „Arche“ bei der Verwaltung. Diese Halle sei nicht die „charmanteste“, innen zwar viel Holz, außen aber ein grauer Klotz. Dennoch soll er aufgehübscht das Entree zum zentralen Platz bilden. „Wir ebnen hier nicht alles ein.“ Es brauche  gewachsene Strukturen. So veranstaltet ein Förderkreis seit Jahren Konzerte in der Arche, bringe Be- und Anwohner zusammen.

„Das ist das besondere an sozialer Konversion“, sagt Reuß. Konversion meint ursprünglich die Umwandlung von Kasernen- zu Wohnflächen wie in Tübingens „Französischem Viertel“ oder dem Freiburger „Vauban“. Was im Sonnenhof passieren soll, hat Parallelen wie Unterschiede zum „Tübinger Modell“: „Wir tauschen hier keine Bevölkerung aus“, sagt Reuß. Die Bewohner und Mitarbeiter bleiben ja. Sie einzubinden sei wichtig. „Wir wollen keine Inklusionsverlierer“, sagt Werner. Deswegen gab es zunächst ein inhaltliches Konzept, erst dann habe man die Planer einbezogen. Das, so Reuß,  sei „vorbildlich“ wie der Ideenwettbewerb, der nun ein „Strauß an Lösungsmöglichkeiten“ biete.

Der Weg führt in den Südwesten. Ländlicher Charme, die Sonnenhofschule kommt in den Blick. Gerade hier, wo ans Gelände Äcker angrenzen, soll alles bleiben, wie es ist. Nur der Norden wird urbaner, dichter, verzahnt mit den drei anderen Quartieren ringsum. Und nur am Nord­rand werde geparkt – das übrige Viertel bleibt autofrei.

Irgendwann sollen die alten Grenzen verschwinden. Vorstellen kann man sich das, wo im Westen die Neubausiedlung Hart­äcker schon direkt an Wohngruppen angrenzt. Künftig soll von der Siedlung aus ein Weg in den Park und ein zweiter auf den Quartiersplatz  samt Laden und Bäckerei führen. „Das neue Quartier ist nicht als reine Schlafsiedlung gedacht“, sagt Werner. Doch ausschließlich Geschäfte und Büros im Erdgeschoss rund um den Platz wie in Tübingen, dafür locke die Randlage zu wenig Mieter an, so Reuß.

Die Nachbarschaft ist ein Glücksfall für den Sonnenhof, sagt Christine Blankenfeld. Sie leitet das Referat Sozialplanung und Investive Förderung beim Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS) und begleitet Einrichtungen bei der Transformation. Bis in die 80er hatte man diese auf der grünen Wiese gebaut. Nicht allen wuchs zwischenzeitlich eine Stadt entgegen.

Ausgehend von dieser guten Voraussetzung habe der Sonnenhof sich „vorbildlich entwickelt“, sagt Blankenfeld. Andere Einrichtungen hätten ähnliche Prozesse angestoßen. Auf Landesebene ist der Gültstein-Prozess von 2009 ein Motor, in dem Sozialministerium und Einrichtungen die Konversion diskutierten. Bis heute besteht Austausch. Man beobachte Vorbilder wie ­Alsterdorf in Hamburg oder Hephata in Mönchenglattbach. Und natürlich  Schwäbisch Hall.

Was nicht bedeutet, dass dort alles geritzt ist. Für Sommer/Herbst 2018 ist ein Runder Tisch mit allen Beteiligten geplant. Zudem stehen Verhandlungen über einen städtebaulichen Vertrag mit der Stadt an. Ein anderer Punkt ist die Finanzierung. 25 Millionen Euro verteilt der KVJS im Auftrag des Landes pro Jahr. Zusätzlich braucht es Eigenmittel, um die Konversion zu stemmen. Der Trägerverein des Sonnenhofs kalkuliert Immobilienerlöse mit ein. Anders wäre die Neuordnung nicht zu stemmen.

Erste Wohnhöfe erst 2023

Auf dem Rückweg bleibt Werner an einer Wiese stehen. Dort werde bald Ersatz für die Kinderhäuser gebaut – im Bauabschnitt II, der in Gänze erst in einigen Jahren entwickelt werden soll. Dieser Neubau orientiere sich schon am Citiplan-Konzept. Insgesamt sollen im Quartier am Ende 200 bis 250 Wohneinheiten entstehen, Raum für rund 500 Einwohner. Ob das alles so kommt? Bisher steht die Erschließung des Bauabschnitts Ia im Fokus – wenn alles klappt, werden die zwei durchmischten Wohnhöfe im Nordosten bis 2023 bezogen.

„Wir erfinden nicht das Rad ganz neu, sondern führen einen Weg weiter“, sagt Werner beim Verabschieden. Es soll eine Evolution werden. Und doch einiges umkrempeln.

Ein Modell, eine Konvention

Dem „Tübinger Modell“ entsprechend werden neue  Quartiere  überwiegend von Baugemeinschaften und kommunalen Bauträgern entwickelt – oft auf Konversionsflächen. Grundlagen sind etwa eine kleinteilige Parzellierung und eine soziale Durchmischung. Wohnungen, Handwerk, Kleingewerbe und soziale Einrichtungen befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft. Es gilt das Leitbild der „Stadt der kurzen Wege“ mit weitgehend verkehrsberuhigten Zonen.

Neue Regeln, die Menschen mit Behinderungen betreffen, nehmen oft Bezug auf die UN-Behindertenkonvention aus dem Jahr 2006. Diese schreibt fest,  dass alle am öffentlichen Leben teilhaben sollen. Das Bundesteilhabegesetz etwa regelt die finanziellen Leistungen; Ziel ist eine individuellere Förderung. Die Landesheimbauverordnung macht bauliche Vorgaben etwa zu Zimmergrößen, Nasszellen und Gemeinschaftsflächen. Das Gesetz für unterstützende Wohnformen, Teilhabe und Pflege sichert behinderten Menschen mehr Freiräume zu, um selbstbestimmt zu wohnen. zie