Ulm Der Schwabe: Der Blick eines Einheimischen

Ulm / HANS-ULI THIERER 08.10.2016
Der Schwabe <i>und Lokalchef Hans-Uli Thierer</i>: Er kann kein Hochdeutsch. Er macht sich und alles um sich herum immer klein. Stimmt das denn?

Das Dümmste, was Berufsschwaben je eingefallen ist, war dieser Spruch: „Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“

Ein Satz für die Ewigkeit. Ein Satz, den jedenfalls alle Nicht-Schwaben den Schwaben voller Häme bei jeder Gelegenheit unter die Nase reiben. Was helfen verunsichert vorgetragene Hinweise auf deutsche Sprachgeniusse  wie die großen Friedriche Schiller und Hölderlin, wie Ludwig Uhland, Eduard Mörike, Hermann Hesse oder Martin Walser? Und Walter Jens, der gebürtige Hamburger? Was wäre aus ihm ohne das schwäbische Tübingen geworden? Hätten sich die schwäbischen Erfinder von – um nur einmal ein gutes halbes Dutzend einer ellenlangen Liste zu nennen – Johannes Kepler bis Gottlieb Daimler, von Matthias Hohner, Conrad Dietrich Magirus, Robert Bosch,  Ferdinand Graf von Zeppelin bis  Artur Fischer-(dübel) ohne vernünftige Sprache mit ihren nachhaltig wirkenden Errungenschaften verständlich machen können? Und wären Albert Einstein und Carl Laemmle Weltbürger geworden ohne gescheites Deutsch?

Doch lassen wir das. Gehen wir lieber über zur zweiten Großdummheit der Schwaben. Zu ihrer Neigung, alles kleiner zu machen, als es ist. In Schwaben, das auch als bis Augsburg reichender bayerischer Teil existiert, wird kein Haus gebaut, sondern ein Häusle. Ein Garten ist ein Gärtle. Nicht mal in Schimpf und Schande bewahrt der Schwabe Größe: Der Depp schrumpft zum Deppele und der Seckel zum Seckele. Das Ulmer Münster? Der Kölner Dom ist doch höher, oder? Sagen sogar solche, die nur unweit von Ulm um Ulm herum daheim sind und es besser wissen müssten.

Mit diesem Ulm ist es ja, so schrieb einmal ein aus Einsteins Geburtsstadt stammender, seit langem in Berlin wirkender Journalist, wie mit Stuttgart: Man wird von denen, die südwärts ziehen, immer links liegen gelassen. Auf dem Weg nach München fährt man an beiden Städten vorbei, was für eine Landeshauptstadt noch schmerzlicher sein muss als der Umstand, dass der VfB jetzt in der zweiten Liga spielt. Und der SSV Ulm 1846? In der Vierten!  Es ist also hart, ein Schwabe zu sein.  Zwar unterscheidet er sich physiognomisch nicht von Menschen aus anderen deutschen Landen. Stellt man den Schwaben aber in eine Reihe mit Berlinern, Rheinländern,  Westfalen, Pfälzern, nicht-schwäbischen Bayern oder welchen landsmannschaftlichen Abkömmlingen auch immer, ist er garantiert herauszulesen: Er schaut für gewöhnlich drein wie Johann Reichhart, der letzte bayerische Henker, der auch die schwäbischen Geschwister Scholl wegen ihres Widerstands gegen die Nazis („Weiße Rose“) hingerichtet hat. Um Sophie Scholl, nachdem er sie mit dem Fallbeil exekutiert hatte, zu bescheinigen, er habe noch nie einen Menschen so tapfer sterben sehen.

Was Gesichtszüge verrraten

Die Gesichtszüge des Schwaben sind für gewöhnlich also so streng wie seine pietistisch ausgebildete Abneigung gegen jeden Glamour. Was auch erklärt, warum Schulterklopferei in Schwaben keinen Nährboden findet und jede Form des Überschwangs sich  verbietet.

Solche Haltung macht das Leben nicht leicht und beschwingt. Genau betrachtet ist es also so, dass es nicht hart ist, Schwabe zu sein. Sondern, dass es der Schwabe selber ist, der sich das Leben hart macht. Während die Leichtigkeit des Seins so gut wie nicht anzutreffen ist, ist der Drang nach Freisinn und Freiheit zwischen Schwarzwald und Lech, der Region Stuttgart und dem Bodensee legendär und historisch belegt. Einen Beweis liefert das Freikorps „Reutlinger  Compagnie“. Man schreibt 1849. Es ist das Jahr, nachdem in der Frankfurter Paulskirche demokratische Rechte verankert und Adelsvorrechte beseitigt worden, dann aber ebenso schnell wieder von der Reaktion ausradiert worden sind. Handwerksgesellen, Arbeiter und Weingärtner rotten sich zusammen. „Jünglinge! Bleibet einander treu im Kampfe für Freiheit und Gerechtigkeit.“ Auch die Reutlinger Revoluzzer scheitern. Doch spricht aus ihren Worten  dieser schwäbische Unruhegeist, der Ruhe als erste Bürgerpflicht nicht anerkennen und in Unruhe keine Pflichtverletzung sehen mag. Nicht zuletzt dieser Freisinn ist es, der den Boden bereitet für die ausgeprägte schwäbische Neigung zum Tüfteln und Sinnieren über die Dinge.

„Auch umsonst auf allen Länderkarten spähst du nach dem seligen Gebiet, wo der Freiheit ewig grüner Garten, wo der Menschheit schöne Jugend blüht. In des Herzens heilig stille Räume mußt du fliehen aus des Lebens Drang: Freiheit ist nur in dem Raum der Träume, und das Schöne blüht nur im Gesang.“ Schrieb Friedrich Schiller. Und ließ damit offen, ob er nun war, was er für die einen ist: der Dichter der Freiheit. Oder, wie andere ihn sehen, doch ein Knecht bürgerlicher Gesinnung.

Von einem aber zeugen diese Worte: Schiller konnte Hochdeutsch. Wenigstens schreiben. Und das als Schwabe, dem nachgesagt wird, die schwäbische Mundart sehr gepflegt zu haben.

Zur Person Hans-Uli Thierer (60) leitet die Lokalredaktion Ulm und ist Mitglied der Chefredaktion. Geboren ist er in Ulm, Volontär war er in Heidenheim. In die Geburtsstadt kehrte er 1980 zurück. Unter mehreren Journalistenpreisen ragt der ihm 1997 verliehene Theodor-Wolff-Preis heraus.

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