Rottweil / PETRA WALHEIM  Uhr
Thyssen-Krupp plant, in Rottweil einen 235-Meter-Turm für Aufzug-Tests zu bauen. Obwohl der Nutzen des Projekts noch diffus ist, löste es zuerst Euphorie aus. Doch die kritischen Stimmen werden lauter.

Rottweils Oberbürgermeister Ralf Broß ließ Ende April die Katze aus dem Sack: Das Unternehmen Thyssen-Krupp Elevator plant, im Gewerbepark "Neckartal" einen 235 Meter hohen Test- und Entwicklungsturm für Hochgeschwindigkeit-Aufzüge zu bauen. Eine "große Chance" für die Stadt nannte das der OB. Die 40-Millionen-Euro-Investition bedeute eine "nachhaltige Stärkung des Wirtschaftsstandorts Rottweil", Thyssen-Krupp sei in der Stadt "hochwillkommen".

Das sehen nicht alle so - wobei die kritischen Stimmen in der Welle der Euphorie, die sich durch Rottweil bewegt, fast untergehen. Das überrascht. Schließlich ist Rottweil die älteste Stadt des Landes. Sie hat einen historischen Stadtkern, eine von Türmen geprägte Stadtsilhouette - und vielen traditions- und geschichtsbewussten Einheimischen ist es wichtig, dass das, was ist, unangetastet bleibt.

Das scheint beim Thyssen-Krupp-Turm nicht mehr zu gelten. Dabei kann man nun wirklich nicht sagen, dass sich der 235 Meter hohe Turm unauffällig einfügen könnte. Der Turm steht zwar knapp zur Hälfte im Neckartal, überragt jedoch den weithin sichtbaren Kapellenturm um 110 Meter, die Baumgrenze um 125 Meter. Je nach Standort verändert er die Stadtsilhouette massiv. Das scheint die Befürworter nicht zu stören. Möglicherweise ist auch das der Reiz, der viele Rottweiler so fasziniert: das Nebeneinander von historischen Türmen und einem hochmodernen Gebäude, das zudem 18 Meter höher ist als der Stuttgarter Fernsehturm.

Was mit Sicherheit viele Rottweiler begeistert, ist die Möglichkeit, dass der Test-Turm eine öffentlich zugängliche Aussichtsplattform mit Gastronomie bekommen könnte. Thyssen-Krupp zeigt sich dafür zwar offen, sagt jedoch klar, dass die touristische Nutzung des Turms nicht Aufgabe des Unternehmens sei, sondern sich die Stadt darum kümmern müsse. Das werde sie tun, versichert Broß. Wie wichtig den Bürgern der öffentliche Zugang zum Turm ist, zeigte sich sowohl in einer Versammlung mit 400 Bürgern, in der das Projekt vorgestellt wurde, als auch im Gemeinderat.

Die Begeisterung ist so groß, dass in der jüngsten Sitzung die Bedenken einiger Räte kaum Gehör fanden. Sie hatten darauf hingewiesen, dass vieles, was bislang in Aussicht gestellt wurde, eben nur Vorstellungen seien, ohne konkrete Zusagen. Auch die Beschwerden über das rasante Tempo, das Verwaltung und Konzern vorlegen, gingen unter. Das Unternehmen will schon Ende des Jahres mit dem Bau beginnen. Die Verhandlungen zwischen Verwaltung und Thyssen-Krupp laufen offenbar bereits seit zwei Jahren.

Dabei ist nicht klar, welchen Nutzen der Turm der Stadt tatsächlich bringen soll. Darauf verweisen auch Markus Schellhorn und Dr. Jürgen Mehl, beide Mitglieder im Rottweiler Geschichts- und Altertumsverein. Mehl warnt vor zu hohen Erwartungen und berauschenden Visionen. Für Schellhorn sind noch zu viele Fragen offen. Fakt ist, es werden nur fünf bis sechs Arbeitsplätze geschaffen. Zwar sollen immer wieder 20- bis 30-köpfige Ingenieur-Teams im Neckartal sein. Doch die sind nur wenige Wochen im Ort. Broß erhofft sich von dem Turm eine Sogwirkung, die weitere Firmen ins Neckartal lockt. Doch das ist Spekulation, ebenso wie der touristische Aspekt. Der Gemeinderat hat entschieden, das Projekt weiterzuverfolgen. Bald soll ein Testballon gestartet werden, der zeigt, wie hoch der Turm wird und wie er sich auf die Stadtsilhouette auswirkt.

"Der Turm ist nicht fehl am Platz", sagt Thomas Schlipf, Sprecher der Interessensgemeinschaft "Aktiv für Rottweil". Die Stadt sei eng mit ihrer Tradition verbunden. "Wir fürchten aber das Neue nicht", sagt er und betont: "Aus altem Gemäuer kann auch etwas Innovatives sprießen." Auch im Gewerbepark ist die Zustimmung groß. Kritische Stimmen sind eher selten. Eine gehört Ute Bott. Sie hat im Neckartal eine Geigenschule, und ihr geht das Ganze viel zu schnell. "Wir haben kaum Zeit, uns umfassend zu informieren und uns dann eine Meinung zu bilden", sagt sie. Andere sind hellauf begeistert. "Großartig", sagt ein Fotodesigner. Auch die Holzmanufaktur ist dafür. "Wir können dadurch nur gewinnen", sagt Personalchefin Theresia Dreischulte-Klos. Sie ist überzeugt, dass der Turm den Gewerbepark deutlich aufwertet.

Der Gewerbepark "Neckartal"