Ulm Der Kölner: Schwäbische Eigenschaften kann man so betrachten - und so

ULRICH BECKER 08.10.2016
Der Kölner: Geizig seien die Schwaben, stur und lustfeindlich - behaupten viele. Völliger Unfug, sagt <i>Chefredakteur Ulrich Becker</i>. Sie zeigen nur nicht alles gleich her.

Ach, der Schwabe . . . Wie oft haben mich Freunde entgeistert gefragt, was um alles in der Welt ich denn dort verloren hätte. Die Berliner Kollegen, die sich einfach nicht vorstellen konnten, wie man mit diesem Menschenschlag zurechtkommen könne (Gegenfrage: Wer kommt schon mit Berlinern zurecht?) und die Kölner Kumpels aus der Heimat, die sich Sorge um die sprachliche Verständigung machten.Nun, nach vier Jahren Tätigkeit in Ulm und Besuchen in vielen anderen Gebieten Schwabens kann ich nur sagen: Die haben alle keine Ahnung! Es kommt eben darauf an, die vor allem vom Rest der Republik gepflegten Vorurteile gegenüber diesem Menschenschlag neu zu interpretieren:

Geiz.

Ein garstig Wort für eine Errungenschaft, die heute überall als  DAS Zukunftsthema gefeiert wird: Nachhaltigkeit. Der Schwabe schmeißt nicht einfach weg. Er sortiert aus, wägt ab und findet auch für 25 Jahre alte Schreibtische durchaus eine sinnvolle Verwendung. „Ich habe da noch was im Keller stehen“, ist eine vertraute Aussage unseres Hausmeisters. Der elegantere Ausdruck dafür heißt Ressourcenschonung.

Feierfeindlich.

Auch so ein Unsinn. Der Schwabe, so erscheint es mir, bündelt seine Kräfte. Etwa, um am Schwörmontag in Ulm richtig loszulegen. Oder auf dem Wasen. Oder beim Stocherkahnrennen in Tübingen. Dann kennt er keine Zurückhaltung. Aber bitte nicht ständig, zwanghaft und ohne jeden Anlass. Schließlich braucht man ab und an seine Ruhe. Darüber – über die Ruhe – wacht in Ulm der Verein „Leise“. Vielleicht haben die Schwaben noch nicht das rechte Gleichgewicht zwischen laut und leise gefunden. Etwas mehr Lautstärke würde guttun. Aber es wird besser.

Sauberkeitsfimmel.

Na gut, gemessen an Berlin ist Ulm eine strahlende Oase der Reinlichkeit. Aber was ist schlecht daran? Man mag’s halt gerne nett. Und ob Hundehaufen auf den Gehwegen, demolierte Grünanlagen und versiffte Schulen die Lebensqualität steigern, ist mehr als fraglich. Im Übrigen hat mich persönlich noch niemand aufgefordert, vor der Türe die Straße zu kehren. Zugegeben, ich wohne im vierten Stock . . .

Wie ist also nun der Schwabe? Er pflegt seine Ticks, kultiviert sie, kokettiert damit – und ist genau deshalb so liebenswürdig. Eben wie die meisten Berliner, Kölner und Hamburger auch. Und hätten wir unsere Eigenarten nicht – es wäre doch sterbenslangweilig.

Zur Person Chefredakteur Ulrich Becker ist in Köln aufgewachsen und sozialisiert. Er arbeitete lange für Zeitungen in Köln, Hamburg und Berlin.