Ulm Der Bremerhavener: Vorgeschmack auf die schwäbische Küche

ULF SCHLÜTER 08.10.2016
Der Mann von der Küste: Unser <i>stellvertretender Chefredakteur Ulf Schlüter</i> mag es deftig-kräftig. Kulinarisch steht einem Umzug also nichts im Wege.

„Komm’ mit, wir gehen ins ,Lucas’“,  sagte einer meiner Freunde, der Anfang der 80er Jahre aus unserer Heimatstadt Bremerhaven ins damals geteilte Berlin umgezogen war. In einem bildhübschen Friedenauer Altbau mit Parkett und Stuck fanden er und seine Familie ihre neue Bleibe. Friedenau – das war (und ist noch immer) tiefstes West-Berlin. Das ein paar Meter Bürgersteig entfernte „Lucas“ war rein äußerlich das, was man dort und anderswo normalerweise Eckkneipe nannte. Hecke drumherum, ein paar Tische draußen und ein Verbotsschild für Fahrräder vor der Tür.

Doch allein schon die über den Fenstern angebrachten Biertransparente machten klar, dass es sich keineswegs um eine gewöhnliche Kneipe handelte, in denen die einschlägigen Berliner Biere ausgeschenkt wurden. „Rothaus“, „Memminger“, „Stuttgarter Hofbräu“, „Fürstenberg“  gab’s gezapft oder aus der Flasche – und Weine von badischen und Württemberger Lagen. Spätestens die Speisekarte machte völlig klar: Hier wird schwäbisch-alemannisch gekocht – an einer durchaus sehr interessanten Ecke Berlins.

Unweit davon lebten einst Rosa Luxemburg, Kurt Tucholsky, Max Frisch und Günter Grass. In der „Berliner Zeitung“ wurde später spekuliert, dass Exilschwaben (vielleicht auf der Flucht vor der Bundeswehr) ins Viertel zogen und das Lokal zur Bekämpfung des Heimwehs mit kulinarischen Mitteln gegründet worden sei.

Ob dies möglicherweise im Vorwort der Speisekarte beschrieben worden war, erinnere ich nicht mehr. Ich weiß noch, dass es in alemannischem Dialekt gehalten war, den ich nur schwer verstand. Dennoch machte ich zum ersten Mal in meinem Leben Bekanntschaft mit den Köstlichkeiten aus dem Südwesten. Flädle in der Brühe, Maultaschen, Kässpätzle, Zwiebelrostbraten, Linsen mit Spätzle und Saitenwürschtle ...

Das alles schmeckte ausgezeichnet und war sehr bekömmlich. Dass ich rund dreißig Jahre später ins Schwabenland ziehen würde, ahnte ich damals natürlich noch nicht. Die Abende im „Lucas“ waren darauf ein sehr schöner Vorgeschmack. 

Zur Person Der stellvertretende Chefredakteur Ulf Schlüter stammt aus Bremerhaven im nördlichen Elbe-Weser-Dreieck. Er hat lange in Berlin gearbeitet, unter anderem für den „Tagesspiegel“.