Großholzleute Gasthof „Adler“: Eine Legende ohne Wirt

Gaststätte Adler Großholzleute
Gaststätte Adler Großholzleute © Foto: Klaus Franke
Großholzleute / Raimund Weible 11.09.2018
Privatleute versuchen, dem „Adler“ wieder zu altem Glanz zu verhelfen. Vor 60 Jahren startete dort Günter Grass durch.

Als Bub ist Hubert Baumeister mit seinem Vater in den „Adler“ eingekehrt, und diesen Besuch hat der heutige Bankkaufmann nie vergessen. Als der Gasthof in Großholzleute im südöstlichsten Zipfel Baden-Württembergs 2015 zum Verkauf stand, griff Baumeister zusammen mit seiner Frau Rosemarie zu. Seitdem müht sich Baumeister damit ab, den legendären „Adler“ wieder zum Fliegen zu bringen – und ihn zu einem historisch-literarischen Hotspot zu machen.

Als Baumeister 1958 zur Welt kam, geschah im „Adler“ etwas, was für das deutsche Literaturwesen von besonderer Bedeutung ist. Vom 28. Oktober bis 2. November tagte die Gruppe 47 im „Adler“. Wie stets bei diesen Treffen ausgewählter deutscher Dichter der Nachkriegszeit stellten Autoren dem kritischen Publikum ihre neuesten Werke vor. Auf die Bühne des „Adler“-Saals stieg ein abgerissen wirkender, bärtiger Typ. Mühsam versuchte er, ein Bündel loser Manuskriptblätter zu bannen. Der damals völlig unbekannte Bildhauer und Autor hieß Günter Grass und trug zwei Kapitel seiner noch unvollendeten „Blechtrommel“ vor.

Mit diesem „anarchisch sprachspielerischem  Werk“  habe er „alle sofort in einen Begeisterungstaumel ohnegleichen versetzt“, beschreibt der Publizist Helmut Bödiger, der die Geschichte der Gruppe 47 aufgeschrieben hat, die Szene.

5000 Mark Preisgeld

Für Grass, dem Literaturnobelpreisträger von 1999, war es der Aufbruch zum literarischen Olymp. 5000 Mark Preisgeld standen ihm die Dichterkollegen für sein Werk zu, und Grass selbst schrieb 2013, „in der Gewichtung ist mir dieser Preis bedeutender als manch anderer Preis, der mir später verliehen wurde“. Denn „mit seiner Hilfe konnte ich das Manuskript ungestört abschließen“.

Das literarische Ereignis jährt sich in diesem Herbst zum 60. Mal. Der neue „Adler“-Eigentümer Hubert Baumeister möchte gerne mit einer Veranstaltung daran erinnern. Noch steht sie nicht, und auf jeden Fall wird die Lesung nicht am Original-Schauplatz stattfinden, dem großen Saal des historischen Gasthauses, sondern, wie schon zum 50. Jahrestag, in der Gaststube.

Um den Saal des „Adlers“ ist es nicht gut bestellt, wie auch um das ganze Anwesen selbst. Seit 40 Jahren ist der Saal zugesperrt. Fachleute haben Mängel in der Statik und am Brandschutz festgestellt. Das Ehepaar Baumeister wirkt mit dieser Aufgabe finanziell überfordert – zumal es auch noch sonst viel in dem 500-jährigen Gasthof zu tun gibt.

Die neuen Eigentümer sehen sich selbst als „Liebhaber von alten Häusern“. Sie bewohnen in Ravensburg ein historisches Hofgut, in der Stadt kümmern sie sich im Bürgerforum Altstadt um den Erhalt denkmalgeschützter Gebäude.

Koch kündigte nach nur neun Monaten

Gastronomen sind sie freilich nicht. Ohne jemanden, der das Lokal betreibt, sind sie aufgeschmissen. Der erste Versuch mit einem Pächter endete im Frühjahr 2018 nach nur neun Monaten. Der 80-jährige Koch Peter Strauß kündigte und ging. Seitdem suchen die Baumeisters zusammen mit dem Publizisten und Verleger Rudi Holzberger aus Wolpertswende nach einem Nachfolger. Lediglich im Juli war der „Adler“ für ein paar Tage geöffnet. Zum Regelbetrieb kam es bisher nicht.

Die Gaststätte „Adler“ in Großholzleute. Zurzeit wird ein Wirt gesucht.
Die Gaststätte „Adler“ in Großholzleute. Zurzeit wird ein Wirt gesucht. © Foto: Fotos: Klaus Franke

„Es gibt weit und breit keinen Gasthof mit dieser Geschichte“, sagt Holzberger. Das Anwesen entstand im frühen 15. Jahrhundert als Wasserschloss der Adelsfamilie Sirgenstein.  Eine Inschrift auf dem Balken im ersten Obergeschoss erinnert an das Treffen rebellischer Bauernführer während des Bauernkriegs im April 1525. Lange Zeit diente der „Adler“ als Postwirtschaft von Thurn und Taxis. Viele illustre Namen finden sich in den Gästebüchern (siehe Infokasten).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts avancierte der „Adler“ zum Hauptstandort des Schwäbischen Skiverbandes. Stuttgarter Skifahrer reisten mit Sonderzügen an, um an den Hängen der Adelegg ihrem Hobby nachzugehen. Der Adler war ein florierender Beherbergungsbetrieb mit legendären Wirtsgestalten, etwa der „Tante Finni“ genannten Josephine Würzer, die 1958 die Gruppe-47-Mitglieder betütelte.

Der „Adler“ ist abgehängt

Zwar liegt der „Adler“ direkt an der B12, doch inzwischen ist er  abgehängt. Die Eisenbahn, mit der einst die Wanderer und Wintersportler anreisten, ist längst eingestellt. 1958, als die Gruppe 47 kam, war der „Adler“ noch ein Gasthof mit großem Namen. 1987 übernachtete dort die englische Prinzessin Anne. Danach liefen andere Gasthöfe und Hotels der Region dem „Adler“ den Rang ab, weil seine Zimmer nicht mehr dem Standard entsprachen. In den Kammern gibt es kein WC und keine Dusche. Lediglich weniger anspruchsvolle Monteure, die ein preiswertes Quartier suchen, übernachten im „Adler“.

Wer je in der historischen Gaststube gesessen hat, wird aber den Besuch nie vergessen. Der Gastraum bewahrt das Flair einer Posthalterei. Das Anwesen ist vom Regierungspräsidium Tübingen zum Denkmal von besonderer Bedeutung erklärt worden.

So einzigartig die Gaststube mit ihrer Ausstattung aus dem späten 18. Jahrhundert ist: Der „Adler“ tut sich schwer damit, sich wieder in große Höhen aufzuschwingen.

Stadt Isny hält sich zurück

Es fehlt an Kapital. Der frühere Tübinger Regierungspräsident Hermann Strampfer hatte sich, als der Gasthof 2013 leer stand, ein Engagement finanzkräftiger Unternehmer gewünscht. Tatsächlich zeigte sich die Stiftung der Allgäuer Brauerei Farny interessiert, winkte aber ab, als ein ­Gutachter die Investitionskosten auf vier Millionen Euro taxierte. Die Stadt Isny hält sich vornehm raus – zum Ärger von Rudi Holzberger. Für ihn ist es ein Skandal, dass sich die Stadt nicht um ­„diesen einmaligen Gasthof“ bemüht.

Zunächst braucht es aber laut Holzberger einen „genialen Wirt“, der die Geschichte des Gasthofs aufgreift. Holzberger hilft bei der Suche. Doch „ein guter Wirt“, sagt er, „ist inzwischen so selten wie ein Diamant“. Ein weiterer wichtiger Schritt ist für Holzberger die Sanierung des Festsaals für Ausstellungen und Vorträge. „Das Ganze steht und fällt mit dem Saal.“

Im Rathaus von Isny hat inzwischen ein Schweizer Banker angeklopft, der den „Adler“ offenbar gerne Baumeister abkaufen will. Ob es dazu kommt, ist noch ungewiss.

Günter Grass selbst hat das Schicksal des „Adlers“ berührt. Zwei Jahre vor seinem Tod 2015 schrieb er, er würde sich wünschen, wenn sich ein Weg fände, den „Adler“ am Leben zu erhalten. Mit ihm, so formulierte er, würde nicht nur ein Stück lokaler Geschichte, sondern auch ein Stück deutscher Literaturgeschichte verschwinden.

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Illustre Gästeliste

Viele berühmte Menschen haben sich in die „Adler“-Gästebücher eingetragen: Kaiserin Maria Theresia stieg 1768 dort ab, ihre Tochter Marie Antoinette 1770 auf ihrem Weg nach Frankreich.

Weitere Gäste waren etwa Robert Bosch, Max Frisch, Kurt-Georg Kiesinger und Margarete Steiff. Ihr Bruder hat eine Doppelseite des Gästebuchs mit Steiff-Figuren verziert. Den Koch hat Günter Grass gezeichnet. Das Stadtarchiv Isny bewahrt die wertvollen Gästebücher auf.

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