„Wir müssen mithalten. Wir müssen in der Spur bleiben, um erfolgreich zu sein. Wir dürfen keine Zeit verlieren“, sagt Elena Böhler. Die 17-Jährige steht auf der Bühne des Tübinger Landestheaters und wendet sich ans Publikum im ausverkauften Saal: „Unsere Eltern hatten in den Klassen fünf bis zwölf circa 1200 Stunden weniger Schule als wir. Das sind 50 Tage unsere Lebens! Unsere Eltern hatten Zeit, um sich zu verirren, Umwege zu machen, in Sackgassen zu laufen und wieder zurückzukehren. Unsere Lebensläufe hingegen sind begradigt wie Flüsse. Wo sich unsere Eltern noch treiben ließen, rauschen wir geradeaus durch.“

„Kopf voll, Herz leer!“, so haben die elf Jugendlichen ihr Stück über den Leistungsdruck an der Schule genannt. „Die Belastungen der Schülerinnen und Schüler in den Schulen sind in den letzten Jahren gestiegen“, sagt auch Spielleiter Tobias Ballnus. Ängste, ADHS, Erschöpfungsdepressionen: Wegen solcher psychischer Probleme seien in den vergangenen Jahren Jugendliche aus dem Jugendtheaterclub ausgeschieden. Das „Turbo-Abi“ als Krankheitsherd: Das ist die eine Sicht der Dinge, und sie ist weit verbreitet, bei Eltern, Schülern, in der Politik. Hier steht das achtjährige Gymnasium (G8) für Stress, Zeitdruck und verlorene Kindheiten.

Dauer der Gymnasialzeit in Deutschland

Die andere Sicht ist die der Wissenschaft, und die fällt ganz anders aus. Hat die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre den Leistungsdruck massiv erhöht? Haben die Schüler weniger Freizeit, leiden sie unter mehr Stress? Schneiden die Gymnasiasten nach acht Jahren schlechter ab?

Das Tübinger Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung hat diese Fragen vor und nach der G8-Reform in einer Studie untersucht. „Im Freizeitverhalten haben wir erstaunlich wenig Unterschiede zwischen G8- und G9-Schülern gefunden“, sagt der Tübinger Bildungsforscher Ulrich Trautwein.

Zwar sagten G8-Abiturienten öfter, sie seien gestresst oder gesundheitlich beeinträchtigt, doch es sei unklar, woher der Stress kommt, so Trautwein: Im Doppeljahrgang hatten G8- und G9-Abiturienten denselben Unterricht. Eine Erklärung könnte sein, dass das Thema öffentlich so stark diskutiert wurde.

Fühlen sich Schüler gestresster, weil die Diskussion um G8 ihnen das unbewusst eingeredet hat? Für Elena stehen wieder Klausuren an: zwei pro Woche, zwei Monate lang. Für jede Klausur rechnet sie zwei Tage Vorbereitung ein: „Da bleibt nicht mehr viel Zeit.“ Auch ohne Klausuren hat die Elftklässlerin ein volles Programm: An manchen Tagen beginnt die erste Schulstunde morgens vor acht Uhr, die letzte endet zehn Stunden später. Ein Freund von ihr, erzählt sie, kommt gar auf 41 Schulstunden pro Woche.

„Mit G9 würde sich nicht alles ändern, die Klausuren und die Lehrer bleiben dieselben. Aber weniger Wochenstunden würden es sicher ermöglichen, ein anderes, ein entspannteres Verhältnis zur Schule aufzubauen“, sagt die 17-Jährige.

Deshalb wünscht sie sich das neunjährige Gymnasium. „Ich habe Lust, noch viele andere Sachen auszuprobieren“, sagt Elena: bei der Schülerzeitung mitarbeiten, sich engagieren. „Aber das bekomme ich nicht unter einen Hut.“

Früher hat sie Grundschülern bei den Hausaufgaben geholfen. Das geht nicht mehr: „Man muss sich entscheiden: Hobby oder Job. Ich habe mich fürs Hobby entschieden.“

Doch gibt es einen Mittelweg zwischen G8 und G9? Diese Frage haben sich Lehrer am evangelischen Firstwald-Gymnasium in Mössingen gestellt, nachdem sie in Finnland ein anderes System erlebt haben. Es erlaubt den Schülern, selbst zu entscheiden, in welcher Zeit sie die Oberstufe durchlaufen.

Mit Kollegen aus Dußlingen, Rottenburg und Neckartenzlingen haben sie in Mössingen das Konzept „Abitur im eigenen Takt“ entwickelt. Gymnasiasten sollen auch noch in der Kursstufe selbst entscheiden können, ob sie nach zwei oder nach drei Jahren Abi machen.

Auch sollen Leistungen weniger starr bewertet werden, beispielsweise wird ein Teil der Klausuren durch Facharbeiten oder Ausstellungen ersetzt. Alle Kurse sollten dann vierstündig in vier Halbjahren unterrichtet werden – wer ein Pflichtmodul nicht besteht, könnte es einzeln nachholen. Letztlich entscheidet dann die Anzahl der bestandenen und belegten Pflichtmodule darüber, wann die Schüler das Abitur ablegen können.

Das System soll nicht nur die Eigenverantwortung der Schüler stärken, sondern auch unterschiedliche Begabungen berücksichtigen. Der Landeselternbeirat, der Landesschülerbeirat, die Bildungsgewerkschaft GEW, viele Schulen und Bildungsexperten unterstützten das Konzept. „Das Problem ist nur, dass wir erst einen Schulversuch starten können, wenn die Kultusministerkonferenz zustimmt. Und bisher konnte der Minister sich noch nicht durchringen, unseren Antrag auf Schulversuch einzubringen“, sagt Friedemann Stöffler, Studiendirektor des Firstwald-Gymnasiums.

Kann so ein Vorschlag die aufgeheizte Debatte um das „Turbo-Abi“ abkühlen? Viele Bundesländer testen derzeit Varianten, um den starren Takt des G8 durch Zusatzangebote oder Modellversuche aufzuweichen.

Für Glaubenskriege hat Wissenschaftler Trautwein nichts übrig. „Ich bin kein glühender Verfechter von G8, aus meiner Sicht gab es auch keine schlagenden Argumente, das neunjährige Gymnasium abzuschaffen.“ Dennoch warnt er vor einer erneuten Reform. Die würde Kraft kosten, wäre aufwendig. Die geringen Unterschiede zwischen G8- und G9-Schülern, auch was die Leistungen betrifft, würden dies nicht rechtfertigen.

Trautwein rät, lieber in die Verbesserung des Unterrichts zu investieren. Damit könnte zugleich der Stress für Schüler minimiert werden. Denn der entsteht, wenn sie sich überfordert fühlen oder den Eindruck haben, der Unterricht bringe ihnen nichts, so Trautwein: „Das ließe sich durch eine bessere Begleitung in der Schule auffangen, dazu braucht man kein G9.“

Der Stand der Dinge

Im Schuljahr 2005/06 hat die damalige Landesregierung das achtjährige Gymnasium (G8) eingeführt. Das Hauptargument war, dass Abiturienten durch die verkürzte Schulzeit schneller in den Beruf kommen sollen. Die Kritik an der Reform war über Jahre groß. Nach der Amtsübernahme von Grün-Rot wollte die Regierung (vor allem die SPD) dem gerecht werden, aber keine komplette Kehrtwende vollziehen. An 44 Modellschulen gibt es seit 2012 wieder G9. Obwohl diese G9-Zweige stark nachgefragt werden, will die Regierung G9 nicht weiter ausweiten.

Blick über den Tellerrand Die Opposition in Baden-Württemberg kritisiert zwar Grün-Rot in der G9-Frage heftigst – hat sich aber selbst nicht festgelegt. CDU-Landeschef Thomas Strobl und die FDP plädieren für „Wahlfreiheit“; laut Spitzenkandidat Guido Wolf will die CDU „in aller Ruhe entscheiden“, wie es weitergehen soll. Bundesweit wird in vielen Ländern das G8 zunehmend aufgeweicht – Niedersachsen kehrt im Herbst sogar komplett zu G9 zurück.