Bildung Das Qualitätsgespenst in der Schulverwaltung

Stuttgart / Axel Habermehl 12.08.2018

Ferien, das Gros der „Kundschaft“ verreist: Eigentlich könnte Ruhe einkehren in der Schulverwaltung. Doch unter den rund 2500 Mitarbeitern im Organisations- und Unterstützungsapparat der baden-württembergischen Schulen brodelt es. Ein Gespenst geht um in Staatlichen Schulämtern, Regierungspräsidien, Lehrerseminaren und Akademien. Das Gespenst heißt „Qualitätskonzept“. Seine genaue Gestalt kennt niemand, aber es verbreitet Unruhe – und löst Abwehrreaktionen aus.

Die Speerspitze der Kritik traf sich neulich bei einer Tagung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Stuttgart. Rund 130 Beschäftigte kamen zusammen. Sie arbeiten in Schulaufsicht und -verwaltung, bilden Lehrer aus oder fort, sind als Schulpsychologen tätig. Viele fürchten die Auswirkungen des „Qualitätskonzepts“. Die Stimmung war angespannt, einige Wortmeldungen hitzig.

„Große Runde, großes Interesse, viel Unmut“, fasste die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz auf der Tagung die Atmosphäre in ihrer Rede zusammen. Zum Konzept sagte sie: „Selten habe ich zu einem großen Thema so viele Gespräche geführt, ohne Klarheit zu bekommen. Noch nie habe ich, ausgehend von den Hauptakteurinnen, eine solche Abschottung erlebt. Noch nie habe ich Führungskräfte unterhalb der Amtsspitze so ratlos und uninformiert gesehen.“

Das Projekt, um das es geht, bezeichnen Eingeweihte als „Totalumbau der Schulverwaltung“. Die sei „eingefahren und schwergängig“, basiere oft auf persönlichen Kontakten. Heutigen Anforderungen und Steuerungsbedürfnissen der Politik sei sie nicht gewachsen. Reformüberlegungen gibt es schon länger, die Öffentlichkeit informierte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) im Juli 2017.

Verbesserungsbedarf bei Fortbildungen

Es gehe darum, Leistungsfähigkeit und Qualität des Schulsystems auf lange Sicht zu verbessern, sagte sie. Aktuell sei es von Doppelstrukturen und Zersplitterung geprägt. Andere Länder seien viel weiter. Schulverwaltung und -aufsicht müssten effektiver organisiert werden. Man wolle stärker Daten nutzen, um Schulen passgenau zu unterstützen. Vor allem im Fortbildungsapparat gebe es Verbesserungsbedarf. Hier solle es, so Eisenmann, „künftig klarere konzeptionelle Vorgaben und Strukturen geben“. Aufgaben würden neu verteilt, Behörden neu zugeschnitten. Man werde zwei alte Institutionen schließen, zwei neue gründen: ein „Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung“ (ZSL) sowie ein „lnstitut für Bildungsanalysen (IBBW)“.

Die Arbeit begann damit erst. Im Kultusministerium tagen 120 Personen in mehreren Arbeitsgruppen. Sie skizzieren Institutionen und deren Aufgaben, diskutieren Personal-, Finanz- und Rechtsfragen, schreiben Organigramme. Im April erreichten sie ein Etappenziel: Das Landeskabinett beschloss die Umsetzung des „Qualitätskonzepts“.

In der Vorlage holt Eisenmann aus: Lernstandserhebungen und Vergleichsarbeiten hätten „dringenden Handlungsbedarf bei der Qualitätsverbesserung“ des Schulsystems aufgezeigt. Gute Bildung brauche „ein an der Wissenschaft orientiertes, übersichtliches und auf Unterrichtsqualität ausgerichtetes Ausbildungs-, Fortbildungs- und Unterstützungssystem“. Man benötige „ein Gesamtsystem des Bildungsmonitorings, das einer datengestützten Qualitätsentwicklung auf allen Ebenen des Bildungssystems vom Kultusministerium bis hin zu den Schulen dient“.

Adäquate Unterstützungsangebote

Die Daten bereitstellen soll bald das IBBW. Das Institut liefere „die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Grundlagen, die das ZSL anschließend nutzt, um daraus adäquate Unterstützungsangebote wie Fortbildungen, Handreichungen und Beratungsleistungen sowie Konzepte der Lehrerausbildung zu entwickeln“, so der Kabinettsbeschluss. Regierungspräsidien und Schulämter sollen sich auf Schulaufsicht und Unterrichtsversorgung konzentrieren. Das ZSL soll Regionalstellen im Land unterhalten. Doch wo? Wer arbeitet dort? Was ist mit dem Personal, das bisher ähnliche Arbeit erledigt? Was mit den Schulämtern? Den Leuten, die derzeit Fortbildungen anbieten? Sind Aufsicht über Schulen und deren Beratung strikt getrennt? Eisenmann hatte im April gesagt: „Es ändern sich die Strukturen, nicht die Mitarbeiter.“

Keine Neuigkeiten geboten

Die Teilnehmer der GEW-Tagung wollen es konkreter. Sie beschlossen eine Resolution. „Wir erwarten, dass die rund 2000 von der Umstrukturierung betroffenen Personen umgehend informiert werden, welche Aufgaben sie ab 1. Januar 2019 an welchem Standort wahrzunehmen haben und wie sie dafür qualifiziert werden“, heißt es. „Den bisherigen Schritten fehlen Transparenz, Fürsorgepflicht und Wertschätzung.“ Der Prozess sei „bisher nicht geeignet, Vertrauen der Beschäftigten in die anstehenden Veränderungen aufzubauen“. Eine Präsentation bei der GEW-Tagung hielt auch Dörte Conradi, Abteilungsleiterin im Ministerium. Neuigkeiten bot sie nicht. Details zu Umsetzung, Besoldung, Schulgesetz-Änderungen? „Ich weiß, dass Sie das brennend interessiert“, sagte sie. Aber vieles sei eben noch nicht spruchreif. Ihre Powerpoint-Präsentation gab sie nicht heraus.

Wissenschaftler zeigt sich skeptisch

Daten, Monitoring, „evidenzbasierte“ Bildungspolitik: Fachleute diskutieren das seit Jahren. Der Bildungsforscher Johannes Bellmann von der Uni Münster hat neulich einen Aufsatz über Eisenmanns „Qualitätskonzept“ geschrieben. Im Kern gehe es um „datengetriebene Steuerung“. Bellmann beschrieb die Pläne als Versuch systematischen Qualitätsmanagements für Schulen. Durch Schulstatistiken, sozioökonomische Daten und Leistungstests wolle Politik „Steuerungswissen“ erlangen.

Das sei grundsätzlich vernünftig, doch in der Analyse klingt Skepsis gegenüber einer Politik an, die Schulbildung als eine Art Produktionsprozess zu verstehen scheint, der ständiger Kontrolle und Optimierung durch Datenanalyse bedarf. hab

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