Tübingen „Sie musste ansehen, wie ihre Mutter geköpft wurde“

Tübingen / Madeleine Wegner 25.07.2018
Eine Tübinger Erstaufnahmeeinrichtung nimmt nur besonders schutzbedürftige Flüchtlinge auf. Das Konzept ist im Land einzigartig.

Bunte Papierblumen kleben an dem hohen Zaun, farbige Schilder mit den Aufschriften „Bienvenue“, „Welcome“, „Willkommen“ hängen an den dünnen Gitterstäben. Dahinter: zweistöckige Gebäude in Containerbauweise, in denen seit gut einem Jahr ausschließlich Frauen und Kinder auf Zeit wohnen. Die Tübinger Erstaufnahmeeinrichtung ist die einzige im Land, die ausschließlich besonders schutzbedürftige Flüchtlinge aufnimmt.

Ausgelegt für 250 Personen, leben hier zurzeit 154 Menschen: gut 100 junge Frauen und deren Kinder. Mehr als die Hälfte der Bewohnerinnen kommt aus Schwarzafrika (47 Prozent aus Nigeria, 5 Prozent aus Somalia), die anderen vor allem aus Syrien, dem Irak und der Türkei.

Ihnen steht gesetzlich eine besondere Fürsorge zu. Konkret bedeutet das: Ein Sicherheitsdienst kontrolliert den Zugang zur Anlage rund um die Uhr, die Frauen sollen unter sich sein können. Vor allem aber gibt es eine psychologische Beratung vor Ort. Die Psychologin Cornelie Schweizer bietet auf Basis einer 50-Prozent-Stelle Gespräche an. Sie weiß daher, was viele Frauen durchgemacht haben.

Viele Mädchen erleiden grausame Schicksale

Eine typische Lebensgeschichte sieht etwa so aus: Die Mädchen werden oft in selbst für afrikanische Verhältnisse besonders arme Familien hineingeboren, das erste Trauma erleben sie durch die Genitalverstümmelung. Die meisten Eltern sterben früh und oft gewaltsam. „Ich habe eine Frau kennengelernt, die mit ansehen musste, wie ihre Mutter geköpft wurde“, sagt Schweizer. Als Waisen sind die Mädchen der Willkür entfernter Verwandter ausgesetzt. Sie werden zwangsverheiratet und sind oft schon mit 14 Jahren schwanger.

„Das Leben der Mädchen ist ein absoluter Albtraum“, sagt die Psychologin. Meist lernen sie irgendwann eine Frau kennen, die ihnen Hoffnung auf ein besseres Leben macht und einen Job im Ausland als Kindermädchen oder in einem Friseursalon verspricht. Hoch verschuldet geraten die Mädchen so in die Zwangsprostitution, bevor sie – meist durch Menschenhändler initiiert – übers Mittelmeer nach Italien kommen. „Entweder kommen sie dann ins Lager, wo sie auch wieder die Schwächsten sind, oder sie landen auf dem Straßenstrich“, sagt Schweizer.

Unvermittelte Wutausbrüche

Fast alle Frauen in der Erstaufnahmeeinrichtung leiden unter einer posttraumatischen Belastungsstörung und Dissoziation, unter Flashbacks und in der Folge unter unvermittelten Wutausbrüchen, was auch den Alltag der Helfer und Mitarbeiter in der Erstaufnahme erschwert. In den meisten Fällen seien die Frauen suizidal. „Die Bahnlinie gegenüber hält uns deshalb auf Trab“, sagt Schweizer.

„Tief erschüttert“ zeigt sich die Psychologin über die Anhörungsprotokolle, die ein „absolut inhumanes“ Vorgehen offenbaren, in dem etwa Details zur Vergewaltigung abgefragt würden. Hinzu kommt: Durch die ständig drohende Abschiebung sei eine Therapie kaum möglich. Dabei sei die Bereitschaft zur Integration aufgrund der schmerzvollen Erfahrungen sehr groß.

Eine Zwischenbilanz

Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Staatsministerin Annette Wiedmann-Mauz (CDU), zog zusammen mit Regierungspräsident Klaus Tappeser (CDU) eine Zwischenbilanz in der Tübinger Erstaufnahme. Neben der großen Bedeutung des ehrenamtlichen Engagements hob Widmann-Mauz hervor, wie wichtig die Beschulung der Kinder von Anfang an sei – und für die Erwachsenen die Angebote zur Tagesstruktur und die Arbeitsgelegenheiten.

Integration sei das Gebot der Stunde. „Wir brauchen jetzt eine Qualitätsoffensive für Sprachkurse“, sagte Widmann-Mauz. Dafür habe der Bund 765 Millionen Euro bereitgestellt. Die Kurse seien für alle notwendig, unabhängig von der Bleibeperspektive. Jeder dritte Sprachkurs diene der Alphabetisierung. Nur 15 Prozent der Teilnehmer bestehen diese Kurse. Das allein schon zeige, wie wichtig es sei zu investieren. Die Psychologin Cornelie Schweizer sieht darin eher eine Folge der psychischen Erkrankungen wie massive Konzentrations- und Erinnerungsprobleme.

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