Natur-Inventur Das große Insekten-Zählen

Stuttgart / Madeleine Wegner 30.08.2018

Der himmelblaue Bläuling, der Magerrasen-Gelbling und auch der Mohrenfalter sind auf der Schwäbischen Alb zu Hause. Doch wie bunt geht es tatsächlich auf den Wiesen, Feldern und anderen Flächen im Land zu? Wie schnell schreitet das Insekten- und Artensterben voran? „Wir sind in einer ziemlich dramatischen Situation“, sagt Umweltminister Franz Untersteller. Deshalb habe das Land das „Sonderprogramm Biologische Vielfalt“ ins Leben gerufen und dafür 36 Millionen Euro zusätzlich zu den regulären Mitteln für Naturschutz bereitgestellt.

Davon fließen rund fünf Millionen Euro in das Monitoring verschiedener Tierarten, das zunächst für dieses und das kommende Jahr angesetzt ist. Dabei werden repräsentative, vergleichbare Daten erhoben, um Aussagen über die tatsächlichen Tier-Bestände machen zu können. „Es ist dringend eine bessere Datengrundlage nötig, um Entwicklungen im Bestand zu erkennen und ihnen entgegenwirken zu können“, so der Naturschutzminister. Deshalb sei es auch notwendig, das Monitoring über 2019 hinaus fortzuführen.

Sonderprogramm des Landes

Das „Sonderprogramm Biologische Vielfalt“, zu dem noch weitere Bausteine gehören, finde bundesweit Beachtung und nehme eine Vorreiterrolle ein, sagte Untersteller gestern in Sonnenbühl-Willmandingen (Kreis Reutlingen), wo er sich von Experten das aufwendige Monitoring erklären ließ.

Dort ist eine von 191 Flächen, die Experten seit dem Frühjahr untersuchen und die Auskunft über den Insektenbestand geben sollen. Davon liegen 161 Standorte in konventionell bewirtschafteten Landschaften, in denen ein Großteil der hiesigen Lebensmittel erzeugt wird. Weitere 30 zu untersuchende Flächen liegen in Naturschutzgebieten wie dem Ruchberg in Sonnenbühl. Sie sollen vor allem auch als Vergleichswerte dienen.

Für das Konzept und die Umsetzung des Sonderprogramms ist die Landesanstalt für Umwelt (LUBW) zuständig. Das zeitintensive Monitoring selbst leisten überwiegend Wissenschaftler aus externen Büros. Unterstützung bei den Zählungen gibt es außerdem vom Entomologischen Verein in Krefeld sowie dem Naturkundemuseum Stuttgart. Die Experten nehmen die Flächenstichproben nach einem klar definierten Verfahren, das abhängig von der jeweils zu untersuchenden Tiergruppe ist. In diesem Jahr konzentrieren sich die Forscher auf Heuschrecken und Tagfalter.

Für das Schmetterlings-Monitoring müssen sie beispielsweise eine 1,5 Kilometer lange Strecke langsam abschreiten und dabei die Tagfalter bestimmen, die auf dem Streifen jeweils fünf Meter rechts und links der Strecke zu finden sind. Zusätzlich aufgestellte Zeltfallen (sogenannte Malaise-Fallen) sammeln Insekten aus der Luft ein und geben gut Auskunft darüber, ob und wie stark die Menge der Insekten abnimmt.

Andreas Nunner hat in seinen Stichproben im Naturschutzgebiet Ruchberg 2000 Individuen gezählt. Im Vergleich dazu waren es im nahegelegenen konventionellen Landstrich 364 Insekten, darunter mehr als 30 Tagfalter. „Das ist schon ziemlich gut“, sagt Nunner. In dem Gebiet sei die kleinteilige, strukturreiche Ackerlandschaft sowie Grünland und Kalkmagerrasen in der näheren Umgebung vorteilhaft für den Insektenbestand. Im Naturschutzgebiet hat Nunner 13 gefährdete sowie eine stark gefährdete Art beim Monitoring entdeckt – einen Perlmuttfalter. Im nicht geschützten Gebiet waren es immerhin fünf Insektenarten von der Roten Liste, jedoch insgesamt weniger einzelne Tiere.

„Wir können nicht alle 191 Flächen jährlich untersuchen“, sagt Florian Theves vom LUBW-Referat Artenschutz. Pro Jahr sollen die Daten für 50 Standorte erfasst werden. So wird es erst in vier Jahren Wiederholungsergebnisse geben. Momentan gibt es kaum Vergleichswerte, alte Daten nur für einzelne Gebiete: „Nichts, was für das ganze Land aussagekräftig wäre“, sagt Nunner. So geht es in erster Linie darum, eine entsprechende Datengrundlage zu schaffen.

Ganz schön nützlich

In Baden-Württemberg gibt es schätzungsweise 20 000 Insekten­arten. Wie wertvoll die Tiere sind,
betont Eva Bell, die Präsidentin
der Landesanstalt für Umwelt (LUBW): „Sie nehmen wichtige Schlüsselfunktionen in unseren Ökosystemen wahr. Zum Beispiel bestäuben sie Pflanzen und erhalten die Böden fruchtbar“, sagt sie. Außerdem wandelten sie pflanzliches Eiweiß in höherwertiges tierisches Eiweiß um und dienten damit als Nahrungsgrundlage. del

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