Für die Vertragsunterzeichnung wählten die chinesischen Gastgeber einen Ort mit Aura: Jenen Pavillon überm Yangtsekiang von Wuhan, in dem der Große Vorsitzende Mao einst weihevoll Staatsgäste empfing. Den Tisch mit rosa Seidentuch schmückte ein Blumenbouquet mit dem chinesischen und dem deutschen Wimpel. Dahinter saßen Chen Anmin, Chef des Tongji-Krankenhaus, und Bernd Domres, Professor in Tübingen, und leisteten ihre Unterschriften. Sie vereinbarten den Aufbau des chinesisch-deutschen Instituts für Katastrophen- und Rettungsmedizin an der Jongji-Universität Wuhan.

Beide, Anmin und Domres, werden dem Institut vorstehen. "Ich bin wahrscheinlich der erste deutsche Präsident eines Instituts in China", sagt Domres, der zu den bekanntesten deutschen Katastrophenmedizinern gehört. Der pensionierte 73-jährige Chirurgie-Professor steht auch dem Deutschen Institut für Katastrophenmedizin in Tübingen als Präsident vor und fliegt immer wieder mit einem Team der Hilfsorganisation Humedica ins Ausland zu Einsätzen nach Naturkatastrophen - zuletzt war er in der erdbebengeschüttelten Türkei. 2011 wurde Domres zum "Arzt des Jahres" gewählt. Jetzt sieht er seine Aufgabe darin, in China das Fach Katastrophenmedizin zu installieren und das Rettungssystem zu verbessern. Mit im Boot ist auch der Ulmer Anästhesist Ernst Pfenninger.

Im Rettungswesen habe China erheblichen Aufholbedarf, sagt Domres. Gerade die Zunahme des Autoverkehrs macht in China Probleme: Dort sind jährlich 300 000 Verkehrstote zu beklagen. Das Rettungssystem sei arzt- und krankenhausgestützt, Rettungsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz gibt es nicht, auch nicht den in Deutschland bewährten Beruf des Rettungsassistenten, unverzichtbarer Helfer der Notärzte.

Dass die Kooperation zustande kam, liegt an den langen Beziehungen zwischen deutschen und chinesischen Medizinern. Geknüpft hatte sie Marinearzt Erich Paulun aus Pasewalk in Pommern. Weil ihn das Elend armer Kranker berührte, gründete er 1899 in Shanghai Chinas erstes Hospital mit westlicher Medizin. Daraus entwickelten sich die Tongji-Krankenhäuser in Shanghai und Wuhan. 1907 gründete Paulun in Wuhan eine "Deutsche Medizin-Schule", aus der die medizinische Universität Wuhan hervorging. Die alten Kontakte führten auch dazu, dass 1987 die Deutsch-Chinesische Gesellschaft für Medizin und eine entsprechende Partnergesellschaft in China entstanden.

Als Domres 2010 in Wuhan einen Vortrag über Katastrophenmedizin hielt, ermunterte ihn Chen Anmin, ihm bei der Gründung des Instituts für Katastrophenmedizin zu helfen. Dort wird auch ein Lehrstuhl für das Fach entstehen. Einen solchen Lehrstuhl gibt es in ganz Deutschland nicht. Domres hatte sich lang darum bemüht, an seiner Universität Tübingen dieses Fach zu verankern. Daran scheiterte er zu seinem Bedauern. "Jetzt habe ich mein Lebensziel erreicht", sagt der Chirurg, "nun eben in China."

Zusammen mit deutschen und chinesischen Experten will Domres Mitte März abschätzen, welches Rettungssystem für China das Sinnvollste ist. Danach sollen zertifizierte Studien- und Ausbildungsgänge eröffnet werden, zu denen deutsche Studenten ebenso zugelassen sind. Deutsche Experten helfen auch bei der Einführung eines Kostenabrechnungssystems für Krankenhäuser in China.