Tübingen Cherusker verweigern Lebertran

Tübingen / RAIMUND WEIBLE 01.06.2013
Beim Stocherkahnrennen in Tübingen begingen die Cherusker ein Sakrileg: Sie verhielten sich unsportlich und verweigerten den Lebertran.

Das "Nadelöhr" an der Neckarbrücke ist die heikelste, aber auch spannendste Passage beim Stocherkahnrennen in Tübingen. So nennen die "Kahnuten" die Engstelle zwischen Neckarinsel und Brückenpfeiler. Sie muss von den Teams zweimal durchfahren werden.

Am Nadelöhr gibt es regelmäßig ein Durcheinander: Die im Feld vorn liegenden Kähne stoßen bei der zweiten Durchfahrt auf hinter ihnen liegende Kähne. Karambolagen sind im Nadelöhr normal und durchaus erlaubt. Häufig steigen die Besatzungen aus dem Kahn, um das Boot durch die Engstelle zu manövrieren. Die Studiosi werden ganz schön nass dabei und handeln sich auch schon mal ein paar blaue Flecke ein.

Genau dieses Getümmel wollte sich beim Rennen an Fronleichnam die Mannschaft der katholischen Studentenverbindung Cheruskia offensichtlich ersparen. Die Cherusker dümpelten mit ihrem Kahn hinter dem Feld her, warteten ab, bis das Nadelöhr frei war und zwängten sich dann unbehelligt durch. Als letzte paddelten sie durchs Ziel.

Dieses Verhalten erboste freilich die Wettkampfleitung von der Landsmannschaft Schottland. Sie unterstellte den Cheruskern, mit Absicht verloren zu haben. Denn der Verlierer darf im nächsten Jahr das Rennen ausrichten. Die Konsequenz: Disqualifikation. Außerdem erlegten die Rennrichter den Cheruskern auf, den Lebertran zu trinken. Das Lebertran-Trinken gehört zu den Ritualen des Stocherkahn-Rennens, die Verlierer sind dazu verpflichtet. Unter hämischen Gejohle des Publikums verleiben sich die Verlierer das scheußlich schmeckende Getränk ein. Die Schotten brachten vergangenes Jahr die Sache mit Anstand hinter sich.

Nicht so die Cherusker. Sie fühlten sich unfair behandelt und schütteten den Lebertran in den Neckar. Was für ein Sakrileg! Das hat es seit 1956, als erstmals ein Rennen gestartet worden war, nie zuvor gegeben.

Die vom Schiedsgericht zu ehrenhaften Verlierern erklärten Mannen der Straßburger Burschenschaft Arminia wurden übrigens vom Lebertran-Trinken befreit - weil sich die Burschen, deren Kahn abgesoffen war, wegen Unterkühlung im Krankenhaus behandeln lassen mussten.

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