Bildung Büchereien erproben Online-Deutschkurse für Flüchtlinge

Heilbronn / Hans Georg Frank 07.12.2016

Abdalmoneam Serjawe (23) aus Irbil ist einer der fleißigsten Schüler. Kaum hat die Lehrerin eine Frage zum Textverständnis gestellt, meldet sich der Streber aus Syrien. Er gehört zu den Probanden eines Modellversuchs an sieben kommunalen Büchereien des Landes, die für den Deutschkurs virtuelle Klassenzimmer eingerichtet haben. Dort setzen sich die Schüler vor ein Laptop, stülpen ein Headset über und sind mit der unsichtbaren Lehrkraft via Internet verbunden.

Auf diese Weise können Gruppen unterschiedlicher Standorte verknüpft werden. Beim Live-Online-Kurs entfällt das Störungspotenzial eines herkömmlichen Klassenzimmers, trotzdem besteht dauernder Kontakt untereinander und mit den Dozenten. So kann man Fragen stellen, seine Hausaufgaben für alle sichtbar machen und an der Aussprache feilen. „Es ist ein Arbeiten gegen den Frust im Flüchtlingsheim“, beobachtete die Heilbronner Leiterin Monika Ziller, die auch die Geschäfte des Bibliotheksverbands im Land führt.

Vier Wochen dauert der Probelauf, dem im Januar und Februar 2017 weitere folgen sollen. Schon jetzt sind die Effekte so positiv, dass an eine Dauereinrichtung gedacht wird. „Die Geschichte läuft gut, so etwas muss man in die Weiterbildungssysteme transportieren“, sagte Roland Bauer vom Kultusministerium. Die Erkenntnisse des Experiments sollen auf die Arbeit mit anderen Zielgruppen übertragen werden, bei denen konventioneller Unterricht nicht möglich sei. Als Beispiele nannte Bauer Analphabeten und nicht mehr beschulungsfähige Jugendliche.

Büchereien seien längst beliebte Treffpunkte für Flüchtlinge, erklärte Monika Ziller. Seit Sommer 2015 sind allein in Heilbronn 1500 Leseausweise für Flüchtlinge ausgegeben worden. Obwohl es bereits viele Angebote für lebenslanges Lernen gebe, sei der Sprachkurs „ein ganz fremder Bereich“ für die Bibliotheken. Für das virtuelle Klassenzimmer musste ein Raum mit entsprechender Ausstattung her. Auch ist eine Betreuung notwendig.

Auch in Reutlingen und Tübingen

Der Versuch läuft außer in Heilbronn in Tübingen, Reutlingen, Konstanz, Stuttgart, Achern und Nordheim. Monika Ziller geht davon aus, dass von den mehr als 800 Mitgliedern des Landesverbands etwa 150 für einen solchen Sprachkurs geeignet sind. „Man braucht stabile Internetleitungen“, nannte sie eine der wichtigsten Voraussetzungen.

Abdalmoneam Serjawe büffelt eifrig die neue Sprache. Vorher lernte er Deutsch in einem Kurs der Volkshochschule. „Aber die Methode der Stadtbücherei ist viel besser“, stellte er fest. Er hat auch ein klares Ziel vor Augen: „Ich möchte Bauingenieur werden.“ Hans Georg Frank