Hagnau Bodenseefischer fordern: Mehr Phosphat für den Bodensee

PETRA WALHEIM 18.09.2013
Seit Jahren sinken die Fischfangerträge am Bodensee. Das Wasser ist nach Ansicht der Fischer zu sauber und zu nährstoffarm, weshalb die Fische nur langsam wachsen. Deshalb soll mehr Phosphat ins Wasser.

Das Boot ist zehn Meter lang und zwei Meter breit. Für ein Fischerboot ist das nicht groß, aber es reicht, um damit täglich auf den See hinauszufahren. Nachmittags legen Fritz und Martin Meichle die Netze aus, früh am Morgen holen sie sie wieder ein und hoffen jeden Tag auf einen guten Fang. Immer seltener erfüllt sich ihre Hoffnung. "Wir haben in diesem Jahr 30 Prozent weniger gefangen als 2012", sagt Martin Meichle. Dabei waren die Erträge schon 2012 nicht gut. Der 33-jährige Martin Meichle ist 2002 in den Betrieb seines Vaters Fritz eingestiegen. Die Familie ist seit dem 15. Jahrhundert in der Fischerei tätig. Martin Meichle ist Fischer in der 13. Generation und wild entschlossen, den Betrieb weiterzuführen. Doch das wird nicht einfach, fürchtet er. Und mit ihm viele andere Fischer.

Bis 15. Oktober ist noch Fangsaison. Da ist nicht mehr viel zu erwarten. Deshalb machen die Bodensee-Fischer mobil. Sie haben eine Kampagne gestartet, mit der sie auf ihre Nöte aufmerksam machen wollen. "Die Phosphat-Ausfällung der Kläranlagen am Bodensee soll gedrosselt werden", fordert Meichle, der auch Vorsitzender der badischen Berufsfischer am Bodensee ist. So könnte mehr Phosphat ins Wasser gelangen. Der Nährstoffgehalt und damit das Pflanzenwachstum würden steigen. Die Fische hätten mehr zu fressen, würden schneller wachsen und mit ihnen die Erträge.

Im Umweltministerium beißen die Fischer auf Granit. Minister Franz Untersteller lehnt es ab, den Phosphatgehalt im Bodensee zu erhöhen. Der sei ursprünglich ein nährstoffarmer Voralpensee gewesen und das solle er auch wieder werden, heißt es aus dem Ministerium. Die EU-Wasserrahmenrichtlinie fordere, dass die Gewässer in einem Zustand bleiben oder dahin entwickelt werden, der ihrem Leitbild entspricht. Die aktuell gemessene Phosphor-Konzentration von sechs Milligramm pro Kubikmeter Wasser entspreche diesem Leitbild.

Dem widerspricht Rainer Berg, ehemaliger Leiter der Fischereiforschungsstelle in Langenargen. Er weist darauf hin, dass es in der von der Europäischen Union vorgeschriebenen Phosphor-Konzentration durchaus eine Spannbreite bis 15 Milligramm pro Kubikmeter gebe. "Die Richtlinie wäre nicht das Problem, wenn man helfen wollte", sagt er. Seiner Ansicht nach sind die Fischer mit ihren Forderungen im Recht. "Es ist grober Unfug, was mit den Fischern getrieben wird", betont er. Seit Jahren würden sie vertröstet, der Phosphatgehalt werde sich auf einem auch für den Fischbestand verträglichen Wert einpendeln. Tatsächlich ist der Phosphatgehalt, der ursprünglich bei 20 bis 25 Milligramm pro Kubikmeter gehalten werden sollte, ständig weiter gesunken. "Und jetzt ist die Fischproduktion eingebrochen."

Berg betont, Phosphor sei kein elementarer Schadstoff, der unbedingt aus dem Wasser herausgefiltert werden müsse. Im Gegenteil: "Das Leben im See ist auf Phoshor angewiesen." Zuviel davon schade, zu wenig aber auch, wie die aktuelle Lage der Fischer am See zeige.

Deshalb fordern sie eine Erhöhung auf bis zu 15 Milligramm pro Kubikmeter Wasser. "Die Konzentration wäre für die Fischerei optimal", sagt Martin Meichle. Ende der 1990er Jahre habe der See in etwa so viel Phosphat enthalten. "Das waren unsere ausgeglichensten und ertragreichsten Fangjahre", so der Fischer. Zu der Zeit habe der Bedarf an Bodensee-Fischen gedeckt werden können. Das sei schon lange nicht mehr der Fall. "Die Hälfte der Fische, die am See auf dem Markt sind, ist importiert."

Die Argumente der Fischer konnten das Ministerium bisher nicht umstimmen. Das argumentiert seinerseits damit, dass mit dem Mehr an Phosphat auch wieder mehr andere Schadstoffe wie Arzneimittelrückstände in den See gelangen würden. Das könnte den größten Trinkwasserspeicher Europas gefährden. Deshalb ist auch die Bodensee-Wasserversorgung in Sipplingen gegen die Erhöhung des Phosphatgehalts. "Wir wollen das auf keinen Fall", sagt Pressesprecherin Maria Quignon. Aquakulturen anzulegen, wie aktuell im Gespräch ist, hält Meichle für nicht praktikabel. Wer von den sowieso schon gebeutelten Fischern könne sich das leisten?

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