Hohenstein Bio-Lamm als Geldanlage

Die Bernlocher Schäfer Annette und Torsten Sellenthin gehen einen ungewöhnlichen Weg, um ihren Demeter-Betrieb wachsen zu lassen: Kunden sollen in ihre Herde investieren, als Rendite gibt es Lammfleisch.
Die Bernlocher Schäfer Annette und Torsten Sellenthin gehen einen ungewöhnlichen Weg, um ihren Demeter-Betrieb wachsen zu lassen: Kunden sollen in ihre Herde investieren, als Rendite gibt es Lammfleisch. © Foto: Bernd Ulrich Steinhilber
Hohenstein / BERND ULRICH STEINHILBER 26.01.2015
In der Bio-Szene finanzieren manche ihren Hof über Beteiligungen und Genussrechte. Der Demeter-Betrieb "Hohensteiner Bio-Weidelamm" ist die erste Schäferei auf der Alb , die so ihre Herde vergrößern will.

In nur zwei Jahren aus 190 Euro 309,90 Euro machen, das klingt wie ein unseriöses Angebot aus Hochzinszeiten. Doch für die Schäferei Sellenthin im Hohensteiner Ortsteil Bernloch (Kreis Reutlingen) auf der Schwäbischen Alb resultiert dieses Versprechen aus einem nüchternen Kalkül. Wegen ungebrochen hoher Nachfrage wollen die Sellenthins ihre 150 Tiere zählende Herde um zusätzlich 50 Mutterschafe erweitern.

Das wäre an sich nichts Besonderes. In diesem Fall aber schon, denn die Kunden sollen investieren und vom Gewinn profitieren: Am Ende bekommen sie zwar kein Bargeld ausbezahlt, dafür aber zweimal ein halbes, küchenfertig zerlegtes Demeter-Schaf zum Gegenwert von je 130 Euro. Oben drauf gibt es einmal das neue Kochbuch "Fleisch" des Ehestetter Spitzenkochs Simon Tress, das im Buchhandel für 49,90 Euro zu haben ist, und zum anderen noch ein Foto des erworbenen Zuchtlamms.

Seit Annette und Torsten Sellenthin vor elf Jahren mit der Schäferei begonnen haben, ist das "Hohensteiner Bio-Weidelamm" ein aufstrebender Betrieb. "Alles selbst erarbeitet", stellt Torsten Sellenthin nicht ohne Stolz fest. Geschafft hat der 47-jährige gebürtige Pfullinger zuvor als Kraftfahrer im Bio-Sektor. Seine Frau Annette aus Lichtenstein, eine gelernte Schneiderin, ist heute Inhaberin des Betriebs. Darüber hinaus schichtet sie aber immer noch im Bosch-Werk in Reutlingen. Die Schäferei beginnt sich erst langsam selbst zu tragen und ernährt, wie Torsten Sellenthin, der Schäfer, sagt, bislang nur einen Mann.

Allerdings meint er damit den Demeter-Betrieb als Ganzes. Dessen Haupteinnahmequelle sind nicht etwa die Lämmer. Der meiste Umsatz kommt mit den Fördergeldern für Landschaftspflege rein. Freilich spielen die 150 Schafe und 40 Ziegen der Sellenthins eine wichtige Rolle in der Beweidung von 60 Hektar Vertragsflächen, meistens steilen Hängen, die sonst unbewirtschaftet blieben. Über 100 solcher Koppeln, teilweise mit 1000 Meter Zaun, müssen jedes Jahr eingerichtet werden. Gefragt ist aber auch harter körperlicher Einsatz mit Kettensäge, Motorsense und Rechen. Allerdings wird der Lohn, den die Sellenthins von staatlicher Seite dafür erhalten, immer erst am Ende des Jahres ausbezahlt.

Seit Ende November überwintert die Herde in einem Offenstall, wo sie mit Heu und Silage von Demeterflächen versorgt wird. Überwiegend besteht die Herde aus weißen Bergschafen, eine vom Aussterben bedrohte Nutztierrasse, die aber robust ist und sehr gut auf die Schwäbische Alb und ihre Steilhänge passt. Mit der Genussrechteaktion soll die Herde künftig deutlich verjüngt werden.

Die im September geborenen Tiere besorgen die Sellenthins im Werdenfelser Land. Erst im Februar werden die jungen Lämmer von der Mutter getrennt. Im Herbst werden die Schafe mit dem Bock bekannt gemacht. "Unsere Böcke sind sehr einfühlsam und wir sind sicher, dass sie ihren Job gut machen", scherzt Torsten Sellenthin. Im Februar 2016 werden die Schafe dann zum ersten Mal ablammen, so dass im Juli 2016 die erste Lammhälfte verschickt werden kann. Die zweite Tranche folgt dann im Juli 2017. Denn die Schafe dieser Zucht sind später schlachtreif als die aus der konventionellen Mast. "Bei Weidelämmern dauert es etwas länger", erklärt Torsten. "Das ist der Preis für erstklassiges Fleisch." Und die harte Arbeit, die eine Koppelschäferei mit sich bringt.

Die Gaststätte "Rose" in Ehestetten ist Hauptkunde und nimmt bis zu 100 Tiere im Jahr ab. Es könnten mehr sein, wenn der Betrieb nur mehr Demeter-Schafe zur Verfügung hätte. "Wir waren immer in Not wegen der hohen Nachfrage und mussten auch schon mal unsere Nachzucht schlachten", sagt Annette Sellenthin. Damit soll jetzt Schluss sein, auch damit, dass die finanziellen Mittel, die man am Jahresende für die Landschaftspflege bekommt, gleich wieder für neue Tiere aufgebraucht werden. So verstehen die Sellenthins ihre Aktion als ein Geben und Nehmen, von der beide, die Schäferei und ihre Kunden, einen Vorteil erzielen.

Die Schäferei setzt auf den Weiden entsprechend der biologisch-dynamischen Anbauweise Präparate wie Hornmist ein. "Am Anfang haben wir über die Präparate gelächelt", sagt Sellenthin. Inzwischen aber sei er von ihrer Wirksamkeit völlig überzeugt. "Ja, man kann die feinen Veränderungen in der Vegetation wahrnehmen." Und die Schafe können das auch. Die fressen inzwischen an Stellen, die sie gemieden haben, als noch keine Präparate ausgebracht wurden.

Aber auch über die Sellenthins wurde gelächelt, als sie vor elf Jahren in Bernloch ankamen, erinnert sich Annette: "Wir waren einfach nur die Freaks." Inzwischen gehört das Ehepaar zum Dorf und gestaltet mit ihrer Schäferei auch das alljährliche Ferienprogramm mit. Doch Torsten Sellenthin freut sich vor allem über eins: "Heute bin ich der Schäfer von Bernloch."

Lage im Land

Stagnation Der Schafbestand im Land stagniert. Im Jahr 2014 gab es insgesamt 215 700 Tiere, wie das Statistische Landesamt mitteilte. Damit habe sich ihre Anzahl praktisch nicht verändert. Unter Druck sind bereits seit einigen Jahren gerade die Wanderschäfer auf der Schwäbischen Alb. Den Herden-Besitzern fällt es zunehmend schwer, Weideflächen zu finden, die Wollpreise bleiben konstant im Keller. Zudem ist der Verdienst der Schäfer bei 60- bis 70-Stundenwochen sehr niedrig. Hoffnung setzen die Herdenbesitzer mittlerweile in die Regionale Vermarktung.

 

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