Leitartikel Axel Habermehl zum Lehrer-Engpass Bildungspolitik: Mangelverwaltung statt kluger Ideen

Axel Habermehl
Axel Habermehl © Foto: Könneke Volkmar
Stuttgart / Axel Habermehl 06.09.2018
Die Politik im Land bekommt den Lehrermangel nicht in den Griff. Geld ist genug Geld da – schuld ist jahrelange Fehlplanung.

Am Freitag enden in Baden-­Württemberg die Ferien, und wer zu diesem Anlass einen Blick auf die Lage der Schulen des Landes wirft, sieht einen großen Widerspruch. Einerseits besteht ein gesellschaftlicher Konsens, dass Bildung eines der wichtigsten Politikfelder ist. Zudem sprudeln die Steuern derart ungebremst in die öffentlichen Hände, dass die kaum mit dem Ausgeben nachkommen. Auf der anderen Seite leidet der Bildungsbereich Mangel. Wie kann das sein?

Das Fehlen hunderter Lehrer ist der ärgste Mangel, aber nicht der einzige. Der bauliche Zustand vieler Schulen ist, trotz aller Sanierungsprogramme, schlecht. Auch hinkt die technische Ausstattung vieler Klassen- denen durchschnittlicher Jugendzimmer des Jahres 2018 hinterher. Der digitale Wandel der Welt vollzieht sich, zur Erleichterung vieler Skeptiker, um die Schulen herum.

Den seit Jahren im Ankündigungsstadium verharrenden „Digitalpakt“, mit dem der Bund Schulkompetenz zeigen will, hat dieser gerade wieder mal aufgeschoben. Die Bildungsplattform „Ella“, eigentlich als landesweite Infrastruktur für Organisation und Unterricht im Digitalzeitalter gedacht, taugt nur zur Veranschaulichung maßloser Selbstüberschätzung und schlechten Projektmanagements.

Auch der Ausbau von Ganztagsschule und Nachmittagsbetreuung, die Bildungschancen stärker von der sozialen Herkunft entkoppeln sollen, hakt. Immer wieder hört man von Schulen, an denen Kinder mittags kleine Wanderungen antreten, weil es vor Ort keine Mensa gibt.

Lehrermangel am schwerwiegendsten

Der größte Mangel aber ist der an Lehrern. Die Folgen sind gravierend. Auch dieses Schuljahr werden Lücken im Regelunterricht klaffen. Lehrer werden ganz selbstverständlich Fächer unterrichten, die sie nie studiert haben. Weiterhin werden immer mal Lehrer in zwei Klassenzimmern gleichzeitig Aufsicht führen und, zum Gaudium der Kinder, ständig über die Flure eilen. Dass alles, was über das Pflichtprogramm hinausgeht – AGs, Orchester, Lehrerfortbildungen – als erstes wegfällt, ist man gewöhnt.

Schnell zu beheben sind die Mängel nicht. Die Lehrernot etwa ist mit Geld nicht aufzulösen. Davon wäre genug da und wohl auch der Wille, es einzusetzen. Kultusministerin Susanne Eisenmann weist zurecht darauf hin, dass der Zustand, der bundesweit besteht, vor Jahren verursacht wurde. Nun fehlen schlicht Junglehrer, um tausende Pensionäre zu ersetzen.

Andere Mängel hängen mit zersplitterten Zuständigkeiten von Kommunen, Land und Bund zusammen, oder mit deren widerstreitenden Agenden. Jeder Einzelmangel ist erklärbar, vielen begegnet Eisenmann engagiert. Doch Krisenwirtschaft stellt schon zu lange ihr vorrangiges Wirkungsfeld dar. Die erste Hälfte der Legislatur hat die Ministerin mit Notmaßnahmen und Mangelverwaltung herumgebracht. Ihre Pläne für mehr Unterrichtsqualität, neue Verwaltungsstrukturen oder stärkere Rektorate harren der Umsetzung und dem Realitätstest. Eltern, Schüler und Lehrer warten gespannt auf kluge Ideen für gute, zeitgemäße Bildung in einer sich rapide wandelnden Welt.

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