Stuttgart Bildungsplan entschärft

"Keine Scheinanhörung": Kultusminister Andreas Stoch.
"Keine Scheinanhörung": Kultusminister Andreas Stoch. © Foto: Oliver Schulz
Stuttgart / ANDREAS BÖHME 17.09.2015
Das Land hat die neuen Bildungspläne ins Netz gestellt. Anlass für weltanschaulichen Zwist bieten sie nicht mehr: Das einst umstrittene Thema sexuelle Vielfalt wurde weit in den Hintergrund gerückt.

Alle zehn, zwölf Jahre schreibt die Schulverwaltung die Bildungspläne fort, doch dieser ist revolutionär. Allerdings nicht wegen der erbitterten Auseinandersetzungen um das Thema "sexuelle Vielfalt", das als durchgängiges Schwerpunktthema angedacht war. Es gab Petitionen, Demonstrationen und Rempeleien. Heute sagt Kultusminister Andreas Stoch: "Diejenigen, die protestiert haben, wussten am wenigsten, worum es geht."

Er hat dabei nicht nur Bernd Saur vor Augen, den Landeschef des Philologenverbandes. Der hatte im vergangenen Herbst von einer Pornografisierung des Unterrichts gesprochen und Sexualpraktiken aufgezählt, "die unter dem Deckmantel der Vielfalt" im Bildungsplan enthalten seien. Schülerinnen und Schüler, so hieß es im Vorentwurf, "kennen die verschiedenen Formen des Zusammenlebens von LSBTTIQ-Menschen", also unter anderem Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen. Stoch hatte ihm darauf unverantwortlichen Umgang mit dem Thema vorgeworfen - und Saur ruderte zurück.

Nicht zu Unrecht: Denn nichts von alledem findet sich nun wieder, Sexualität findet sich nur noch weit untergeordnet unter der "Leitperspektive Toleranz": Schüler sollen jetzt laut Plan "unterschiedliche Formen der sexuellen Orientierung wertfrei beschreiben" können und werden nicht zuletzt auch über die im Grundgesetz beschriebene besondere Stellung der Familie aufgeklärt. Die Kirchen äußern sich in ersten Stellungnahmen zufrieden, auch die Initiatoren der Demos aus evangelikalen Kreisen. Nur die FDP tritt nach und kritisiert, dass Stoch es überhaupt zu Protesten kommen ließ. Revolutionär ist der Bildungsplan aus anderem Grund: Zum ersten Mal gibt es ein gemeinsames Werk für die Sekundarstufe I, also die Klassen fünf bis zehn an allen Schularten. Ausgenommen ist nur das Gymnasium, das ebenso wie die Grundschule seinen eigenen Bildungsplan behält. Neu ist auch: Die Vorgaben werden wieder konkreter. Viele Lehrer hatten dies in den alten Plänen aus dem Jahr 2004 vermisst. Die Folge: Das Werk wird dicker als je zuvor, für die Sekundarstufe I umfasst es 1700 Seiten. Als Buch kann man damit kaum umgehen, deshalb soll jeder Pädagoge seinen Bildungsplan auf einem Speicherstick erhalten, der dann auch umfangreiche Such- und Verknüpfungsfunktionen bietet.

Ist die jetzige Fassung schon das letzte Wort? Nein, verspricht der Kultusminister, "das ist keine Scheinanhörung". 175 Anhörungspartner (Verbände, Gewerkschaften, Eltern) könnten noch Korrekturwünsche einbringen, der Feinschliff werde bis zum Oktober einfliessen. Eine formale Anhörung wie bei einem Gesetzesvorhaben gibt es aber nicht. Nach den Erfahrungen in einzelnen Testschulen lobt Stoch das Verfahren aber "als maximal transparent und offen". Im Gegensatz zum Nachbarland Bayern, wo die Pläne hinter verschlossenen Türen reifen.

Info Die aktuellen Fassungen der Bildungspläne sind abrufbar unter:

www.bildungsplaene-bw.de

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