Justiz Berufungsprozess gegen Bestatter geplatzt

Eleonore Heydel 11.10.2017

Zunächst sieht gestern alles nach einem regulären Prozessauftakt am Heilbronner Landgericht aus. Mehr als zwei Jahre nach der Verurteilung eines heute 62-jährigen Bestatters durch das Schwäbisch Haller Amtsgericht soll die Berufungsverhandlung vor der 5. Kleinen Strafkammer beginnen.

Der Angeklagte trägt ein weißes Hemd unter der Weste und darüber ein gemustertes graues Sakko, dazu eine Stoffhose und schwarze Schuhe. Die gediegene Kleidung passt zu seinem seriösen Bestatterberuf. Seine Firma in Schwäbisch Hall hat er allerdings schon im Juni 2015 aufgegeben. Wenig später wurde er nach acht Verhandlungstagen wegen 18-fachen gewerbsmäßigen Betrugs zu einer Haftstrafe von drei Jahren und zwei Monaten verurteilt.

Das Gericht in Schwäbisch Hall war überzeugt, dass er mindestens 18 Verstorbene heimlich aus Vollholz-Särgen in billige Pressspan-Särge umbetten ließ, bevor sie im Krematorium verbrannt wurden. Die getäuschten Angehörigen zahlten den Preis für die ausgesuchten hochwertigen Särge.

Das Urteil blieb unter dem Antrag des Staatsanwalts, der drei Jahre und neun Monate Haft gefordert hatte. Der Angeklagte beharrte dagegen auf seiner Unschuld. Er habe die Umbettungen mit den Angehörigen abgesprochen. Seine Anwältin beantragte Freispruch. Im Heilbronner Gerichtssaal hat der 62-Jährige mit Björn Bilidt (Radolfzell) einen neuen Pflichtverteidiger. Daneben sitzt sein Wahlverteidiger Gianpiero Fruci aus Singen. Fruci wird mit seinem Antrag, den er gleich zu Beginn stellt, die ganze Verhandlung zu Fall bringen.

Der Singener Anwalt ist mit einem Schöffen nicht einverstanden, der  vom Gericht als Ersatz eingesetzt wurde, nachdem der zunächst nach Plan vorgesehene Schöffe mitgeteilt hatte, er wäre am letzten Verhandlungstag verhindert.

Man hätte nicht den Schöffen austauschen dürfen, sagt der Anwalt. Man hätte den letzten Verhandlungstag verlegen müssen.

Der Antrag erzwingt eine Pause. Das Gericht zieht sich zurück. Der Vorsitzende Richter Frank Haberzettl holt auch Oberstaatsanwalt Peter Bracharz und die Verteidiger dazu.

Schöffe ausgetauscht

Draußen im Flur warten fünf ehemalige Mitarbeiter des Bestatters. Als Zeugen dürfen sie nicht weggehen. Kurz vor 12 Uhr wird auf 14 Uhr vertagt. Nach der Mittagspause wird es im Saal und im Flur noch voller. Neben Oberstaatsanwalt Bracharz sitzt jetzt ein psychiatrischer Sachverständiger. Er soll etwas zur Persönlichkeit des Bestatters sagen. Im Flur des Landgerichts sind weitere Zeugen eingetroffen.

Noch einmal 20 Minuten Wartezeit, dann betritt der Richter mit seinen Schöffen den Saal. Er erklärt: „Die Besetzungsrüge greift durch.“ Das Gericht hätte den zuerst benannten Schöffen nicht entbinden dürfen, sondern den letzten Verhandlungstermin seinetwegen verlegen müssen. Haberzettl: „Die Verhandlung kann heute nicht beginnen.“ Und er setzt hinzu: „Ich kann Sie und muss Sie bedauerlicherweise heute entlassen.“

Nach stundenlanger Warterei geht der Prozesstag in Heilbronn damit unvermutet schnell zu Ende. Es kann Wochen oder Monate dauern, bis ein neuer Verhandlungstermin gefunden ist.