Bad Waldsee / AXEL HABERMEHL  Uhr
Für eine Gesellschaft gibt es wenig Wichtigeres als die Bildung der Jugend. Warum kann dann trotzdem fast jeder Lehrer werden? Und warum beklagen so viele Lehrer Überlastung? Über einen Job und seine Tücken.

Frau Wehner erinnert sich noch gut an den Tag, an dem ihr klar wurde, dass sie ihren Job nicht mehr machen kann. Nach 42 Jahren an bayerischen Grund- und Hauptschulen fühlte die Lehrerin: "Da kann ich nicht wieder hin." Frau Wehner heißt eigentlich anders, aber es soll nicht jeder wissen, dass die resolute Frau, die kurz vor der Pensionierung steht, völlig fertig ist mit den Nerven.

Seit einer Woche ist Wehner Patientin einer Burnout-Klinik im oberschwäbischen Bad Waldsee. Ein freundlichgelb gestrichenes Haus am Ortsrand, draußen tropft ein schwüler Kurortvormittag vom Kalender, Menschen sitzen auf Parkbänken, irgendwo brummt ein Rasenmäher. Vor der Klinik gurgelt ein Springbrunnen, ein ewig lächelnder Delfin aus Stein spuckt das immer gleiche Wasser in ein kleines Becken. Und drinnen sitzt Frau Wehner an einem Konferenztisch und erzählt von dem Tag, an dem ihre Berufslaufbahn endete.

Eigentlich, sagt sie, war es eine alltägliche Situation, Ärger mit einem Schüler. Dann aber stellte dessen Vater sie zur Rede, er wurde ausfällig, und Wehner rief die Rektorin. Die stellte sich auf die Seite des aggressiven Vaters. "Ich war fassungslos. Danach hatte der Schüler natürlich Oberwasser." Am nächsten Tag ging Frau Wehner zum Arzt, und da kam noch viel mehr hoch. Die ganze Müdigkeit und Wut, all die Zweifel, der Druck, die Angst.

Wehner gehört einer stattlichen Minderheit an. Laut einer Studie des Freiburger Psychotherapeuten Joachim Bauer gehören Lehrer zu den am stärksten von Burnout betroffenen Berufsgruppen. 20 bis 30 Prozent seien "von einer signifikanten stressassoziierten Gesundheitsstörung betroffen". Das Kultusministerium kann keine Zahlen nennen, bestätigt aber den Befund. Rund 1000 Lehrer im Land nähmen jährlich an Coaching-Maßnahmen teil, um den Umgang mit Belastungen besser zu lernen.

Belastungen? Noch immer gibt es Leute, die denken, Lehrer hätten einen lauen Job. Freie Nachmittage, ständig Ferien, dazu Allmacht im Klassenzimmer und die Sicherheit des Beamtenstatus'. Hört man sich unter Lehrern um, klingt das natürlich anders: In der "Freizeit", sagen sie, müssten sie Unterricht und Klausuren vorbereiten, dauernd verfügbar für Eltern sein. Und die würden immer schlimmer. Viele machen angeblich Lehrer gern persönlich haftbar für das Gelingen der Kinder. Dabei würden die immer schwieriger, die Klassen größer und heterogener. In der Schule sei die Hölle los, man müsse ständig konzentriert sein - und könne doch nie das Ideal des engagierten, kompetenten Pädagogen erreichen. Viele Lehrer klagen, sie hechelten ständig ihrem Anspruch hinterher.

Daraus wachsen Selbstvorwürfe - und Beschwerden. Internetforen sind voller Berichte über Erschöpfung, Herzprobleme, Schlafstörungen, Schmerzen, Freudlosigkeit und Zynismus bis zu regelrechter Abneigung gegen Schüler. Jochen von Wahlert, ärztlicher Direktor der Klinik in Bad Waldsee, sagt, Burnout könne schwere Folgeerkrankungen auslösen: Depressionen, Ängste, Süchte, sexuelle Störungen. Lehrer seien, wie Polizisten, Ärzte und andere helfende oder pflegende Berufe, besonders gefährdet.

Aber warum? Spricht man mit Eltern, Lehrern und Bildungsexperten, wird klar, wie vielfältig die Anforderungen sind. Lehrer sollen fachlich beschlagen sein, aber auch pädagogisch, man erwartet Empathie, aber auch Autorität und zunehmend das Ausgleichen von Erziehungsdefiziten. Lehrer sollen Überflieger fordern und Nachzügler fördern. All das möglichst unter Einbezug moderner Medien, aber bitte ohne bei Schülern Frust aufkommen zu lassen. Geht das? Oder anders: Sind Lehrer dafür ausgebildet?

Melanie Sommer studiert in Ulm Mathematik und Chemie auf Lehramt und sagt: "Wir müssten eigentlich viel mehr Praxis machen." Auch die 21-Jährige heißt anders, sie fürchtet um ihr Examen, wenn ihr Name in der Zeitung steht. Sommer sagt, das praktische Rüstzeug für ihren Beruf hole sie sich als Nachhilfelehrerin. Auch das Praxissemester an einer Schule sei "richtig gut" gewesen, um das Unterrichten zu lernen. "Das war eine Bestärkung für mich, weiterzustudieren."

Melanie Sommer steckt voller Euphorie, für sie sei der Lehrerberuf "wie eine Art Berufung". Es sei schön, "Kinder beim Erwachsenwerden zu begleiten". Allerdings bereite die Uni sie auf all das vor allem fachlich vor. Während sie in vielen Ferien Labor-Praktika absolvieren muss, wird der Kurs "Personale Kompetenz", in dem es um Klassenführung, Konflikte oder Körpersprache geht, als zweitägiges Blockseminar abgehandelt.

Zweifel an der Ausbildung gibt es schon lange. Experten mahnen, dass Lehrer oft schlicht falsch im Job sind. Viele wählten ihn, weil er Sicherheit verheiße oder sie nicht wissen, was sie sonst werden sollen. Dann studieren etwa angehende Gymnasiallehrer jahrelang, aber sehen, bis auf drei Monate Praktikum, nie ein Kind. Beziehungslehre? Hirnforschung? Zeitmanagement? Motivation? Kommt kaum vor. Erst im Referendariat bricht dann die Realität über die Absolventen herein. Doch wer gesteht sich nach Studium und Staatsexamen ein: Der Job ist eben nichts für mich?

Die meisten Lehrer lernen mit der Zeit, wie der Hase läuft. Sie finden Drähte zu Schülern, Spaß am Job und Wege, mit Stress und emotionalen Belastungen umzugehen. Aber es gibt auch Lehrer, die jahrzehntelang irgendwie durchhalten um dann, zerrieben an eigenen und fremden Ansprüchen, resignieren.

Das Problem ist erkannt, die Lehrerausbildung wird umgestellt, sie soll praxisbezogener werden und Ausstiegsoptionen bieten. Auch die Auswahl soll verbessert werden, um ungeeignete Kandidaten fernzuhalten. Doch solche Reformen greifen erst nach Generationen.

Wenn man Frau Wehner fragt, wie sich der Unterricht für sie angefühlt hat, lehnt sie sich in ihrem Stuhl zurück, trinkt einen Schluck Wasser ohne Kohlensäure und sagt: "Man muss immer voll da sein, dann kriegt man es hin." Aber man könne eben nicht immer voll da sein. Sie habe oft donnerstags nicht gewusst, wie sie den Freitag überleben sollte. Oft habe sie erst am Sonntagabend gedacht: "Jetzt bist du wieder ein Mensch." Und dann ging Montags die Schule wieder los.