Porträt Benjamin Wolf: Der Sturmjäger

LENA MÜSSIGMANN, DPA 28.06.2016
Dieses Hobby ist gefährlich und sorgt für einen regelmäßigen Adrenalinkick: Sturmjäger fotografieren und dokumentieren Gewitter. Und fahren dafür mitten hinein.

Wenn es so richtig kracht, will Benjamin Wolf nah dran sein. Dafür schaut sich der 28-Jährige in der Hochsaison von Mai bis Juli täglich komplexe Wetterdaten und Satellitenbilder an, um im richtigen Moment loszufahren. Wenn er ein Gewitter kommen sieht, lädt er seinen Fotorucksack mit Kamera, etlichen Objektiven und Stativ ins Auto und fährt los. Sein Ziel: Eine Gewitterzelle, die sich vor seinen Augen entlädt. Ins Gewitter fahren – so einfach wie das klingt, ist es nicht. Bei drei von fünf Touren kehrt der Jäger ohne Foto-Ausbeute heim.

Vor elf Jahren hat Wolf mit dem seltenen Hobby begonnen, obwohl er früher große Angst vor Gewittern hatte – oder gerade deswegen. Er wollte und will die Wettererscheinung verstehen – und liest von Blitzen, die sich mit ein paar 100 000 Volt entladen. „Diese Kräfte, die Größenordnungen haben mich fasziniert“, sagt Wolf. Heute promoviert er in Chemie. Dabei kann er sich für eine Sturmjagd auch mal freimachen. Wenn er auf Jagd geht, hat Wolf im Optimalfall noch zwei Kollegen dabei: Einer fährt, einer navigiert und einer studiert die aktuellen Wetterkarten – allein sei das alles kaum zu schaffen.

Den richtigen Standort zu finden, sei zur Hälfte Erfahrung und Fachkenntnis, zur anderen Hälfte Glück. „In dem Moment, wo‘s losgeht, wird‘s stressig“, sagt Wolf. Unerfahrene Begleiter nimmt er auch deshalb nicht gerne mit. Wenn er einen guten Platz hat, kann er sofort fotografieren, wenn er schlecht steht, geht die Jagd weiter, die ihm den eigentlichen Adrenalinkick gibt, wie er erzählt. Rund 15 000 Kilometer fährt er nach eigenen Angaben pro Jahr für das Hobby, auch ins angrenzende Ausland.

Mit gewissen Tornadojägern aus den USA, die sich für Fernsehdokumentationen schreiend in Lebensgefahr begeben, habe er nichts gemein. Auch in der deutschen Szene gebe es sensationsgierige Kollegen, berichtet Wolf. „Es zieht uns alle in den Dreck, wenn sich jemand an dem Schaden ergötzt.“

Ein Tornado gehörte auch zu Wolfs spektakulärsten Beobachtungen. Im vergangenen Jahr war der Wirbelsturm über den Südschwarzwald gefegt. Zur Dokumentation der Schäden hat sich Wolf danach über das Waldgebiet fliegen lassen, wo die Bäume wie ausgeschüttete Streichhölzer am Boden lagen. Was aber bringt die mitunter gefährliche Jagd? Wolf ist Teil des ehrenamtlichen Vereins Skywarn. Er meldet bei einer Hotline seine Beobachtungen – zum Beispiel wo er Sturm, Hagel, Platzregen in welcher Intensität beobachtet. Mit seinen Fotos dokumentiert er Gewitter und manchmal ihre Folgen. Wetterdienste greifen auf die Informationen zu. „Wir sind die Augen vor Ort“, sagt Wolf.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) bestätigt das. „Die Skywarn-Datenbank ist für uns hilfreich“, sagt Uwe Schickedanz, Leiter des DWD in Stuttgart. Die Daten der Hobbymeteorologen werden demnach für Prognosen genutzt. „Ich spreche mit Respekt von diesen Leuten. Das hat meteorologischen Mehrwert, was die machen.“

Die Sturmjäger begeben sich nach Einschätzung des Experten zwar in erhöhte Gefahr. Er nehme aber an, dass sie sich entsprechend intensiv mit dem Wetter beschäftigen und Risiken einschätzen können. Ihre Faszination kann er gut verstehen – „wenn man sieht, wie sich der Wald im Orkan beugt, wie Regen runterkommt, wenn es um 18 Uhr Nacht wird mitten im Sommer“.

Wolf hat Tausende Fotos, ein paar Terrabytes auf Festplatten. Wie bei jedem Jäger hängt seine schönste Beute an der Wand: zwei Bilder imposanter Blitze bei Nacht.