NSU-Ausschuss Beate Zschäpes Ludwigsburger Freundschaften

Thumilan Selvakumaran 01.02.2017

Dutzende roter Fähnchen stecken in der großen Baden-Württemberg­-Karte, die eine junge Landtagsmitarbeiterin im Plenarsaal aufstellt. Namen stehen auf jedem einzelnen – allesamt bekannte Neonazis. Darunter sind militante Größen der Szene mit Bezügen zum Nationalsozialistischen Untergrund.

Die Karte, vom NSU-Ausschuss ausgearbeitet, erweckt den Eindruck, zwischen Stuttgart und Heilbronn gebe es einen rechtsextremen „Hotspot“. Für das Gremium ist es eine Kernfrage, ob der NSU in diesem Dunstkreis Kontakte pflegte, gar Unterstützung bei seinen blutigen Taten erfuhr – etwa beim Heilbronner Polizistenmord 2007. Die als Zeugen geladenen Ermittler widersprechen der These aber – zumindest hätten sie keine Hinweise gefunden.

Die Markierungen, die den Raum Ludwigsburg abstecken, kreisen um eine Person. Es ist die Heimat von Barbara E., in Szene-Kreisen „Uschi“ genannt. Die Dunkelhaarige war in den Fokus gerückt, weil sie mit zwei Telefonnummern in einer Kontaktliste des NSU gelandet war, die in einer Jenaer Garage gefunden wurde. E. pflegte über viele Jahre enge Kontakte zum NSU-Trio, das zehn Morde, zwei Sprengstoffanschläge und Bank­überfälle verübt haben soll.

Rund 30-mal sollen die Thüringer Rechtsterroristen zwischen 1992 und 2001 Ludwigsburg besucht haben – in unterschiedlichen Besetzungen. Es gibt Fotos von Keller-Partys, außerdem von Beate Zschäpe vor dem dortigen Schloss. Die Hauptangeklagte des Münchner NSU-Prozesses verstand sich offenbar sehr gut mit Barbara E, übernachtete mehrfach in ihrem Zimmer. Nur Zschäpe habe bei ihr schlafen dürfen, die Jungs nicht, sagte die 48-jährige „Uschi“ am Montag vor dem U-Ausschuss aus. „Das war die einzige, die vernünftig aussah.“

 Die gelernte Zahnarzthelferin verkauft sich in ihrer Aussage allerdings als unbedarfte Partyfreundin. „Wir haben viel getrunken, wir haben Spaß gehabt. Wir haben Leute veräppelt.“ Sie hätten nie über politische Themen gesprochen, sie habe das Trio nie wegen ihrer rechten Einstellung gefragt. Dass beispielsweise Mundlos ein Neonazi sei, habe sie lediglich „an der Kleidung und dem Haarschnitt“ gesehen. Aber darüber unterhalten – „nein, das habe ich nie“.

Beate Zschäpe, so die Zeugin, sei ein „ganz nettes Mädchen gewesen“. Sie hätten sich über Kleidung unterhalten, über „Mädchenzeugs“ – nicht über Morde, Bomben, Überfälle. Auch nicht darüber, dass die Rechtsextremen bereits untergetaucht waren und im Untergrund lebten, als sie in Ludwigsburg Dosenbier tranken. Zur rechten Szene will E. nicht gehört haben, obwohl sie zu Waffenmessen tingelte, in Szene-Treffs abhing, rechte Konzerte in Thüringen besuchte. Auf die Liedtexte habe sie nicht geachtet.

Staunen über Waffenarsenal

E. habe erst zwei Wochen nach dem Tod von Mundlos und Böhnhardt die Wahrheit erfahren. Für sie sei Mundlos ein „sehr netter Mensch“ gewesen. „Er hat sehr viel geredet. Hat viele Witze erzählt. Wir hatten unheimlich viel Spaß mit ihm.“ Doch an wesentliche Details will sich E. partout nicht erinnern. Sie sei betrunken gewesen, alles sei schon lange her, sie habe es damals nicht so wichtig genommen. Das wurmt Ausschussvorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD). Immer wenn es für E. „gefährlich“ werde, setze die Erinnerung aus, schimpft er. Das sei ein verbreitetes Phänomen, wenn Neonazis als Zeugen geladen seien. „Ich würde Sie ermuntern, die Wahrheit zu sagen.“ Die Zeugin bleibt unbeeindruckt.

Dabei gibt es Belege, dass es den NSU-Mitgliedern um mehr als Kaffeekränzchen ging. In einem Brief schwärmte Mundlos von seinen „Spätzles“, wie er seine Ludwigsburger Freunde nannte. „Wir waren vor allem über die Waffen, die sie alle haben, erstaunt – schon fast ein kleiner Waffenladen.“ Brisant sind dabei auch Kontaktpersonen aus dem Umfeld der Ludwigsburg-Connection, die sich unter anderem in der Kneipe „Oase“ trafen. Darunter etwa Jug P., der als möglicher Waffenbeschaffer des NSU verdächtigt worden war. P. derzeit im Großraum Stuttgart. Seine Rolle ist noch nicht geklärt – die Ermittler hatten seinerzeit die Akten ohne Ergebnis abgelegt.

Weitere Kontaktperson nahe dem Fluchtweg

Die NSU-Männer Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sollen nach dem Heilbronner Polizistenmord 2007 nicht auf direktem Weg zurück nach Thüringen gefahren sein. Zunächst führte die Route, so die These der Anklage, in Richtung Süden. In einer Ringfahndung wurde das Wohnmobil, das sie genutzt haben sollen, kurz nach der Tat in Oberstenfeld registriert. In dem kleinen Ort wohnt Andreas G.. Dieser lebte einst in Thüringen und war Mitglied der verbotenen „Blood&Honour“-Bewegung. Zudem spielte er in der Rechtsrock-Band „Noie Werte“. Der NSU nutzte Lieder der Formation für sein mutmaßliches Bekennervideo.

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