Tübingen Baumgarten-Mensa scheidet die Geister

Transparent, offen, pavillonartig: Die Tübinger Mensa Wilhelmstraße gilt als hervorragendes Beispiel der deutschen Nachkriegsmoderne. Foto: Ulrich Metz
Transparent, offen, pavillonartig: Die Tübinger Mensa Wilhelmstraße gilt als hervorragendes Beispiel der deutschen Nachkriegsmoderne. Foto: Ulrich Metz
Tübingen / RAIMUND WEIBLE 25.07.2012
Die Uni Tübingen will rasch eine neue Mensa bauen und die alte, denkmalgeschützte in eine andere Funktion überführen. Eine Bürgerinitiative lehnt den Plan ab - und auch ein Erbe des Architekten Baumgarten.

Der Architekt Paul Gotthilf Reinhold Baumgarten (1900- 1984), ein Vertreter der Nachkriegs-Moderne, hat bedeutende Werke hinterlassen. Von ihm stammt der Entwurf für das gläserne Amtsgebäude des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe und für den Konzertsaal der Hochschule der Künste in Berlin. In Tübingen verbinden sich gleich zwei Gebäude mit seinem Namen. Das Kupferbau genannte Hörsaalzentrum und die große Mensa im Tal-Campus, beide vor gut 45 Jahren geschaffen.

Unstrittig ist in Tübingen, dass die Mensa in der Wilhelmsvorstadt der Sanierung bedarf. Das Gebäude hat gelitten in den vielen Jahren, insbesondere der Küchenbereich ist marode. Das Rektorat will, auch aus funktionalen Gründen, eine neue Mensa bauen und die alte anderweitig nutzen. Doch gegen dieses Vorhaben gibtes heftigen Widerstand. Eine Bürgerinitiative, die Mehrheit des Tübinger Gemeinderats, studentische Vertreter und auch der Vorstand der Architektengruppe Tübingen sprechen sich dafür aus, dass die alte Mensa Mensa bleiben soll. Und inzwischen reden, wie beim Stuttgarter Hauptbahnhof die Bonatz-Erben, auch die Nachkommen Baumgartens mit. Die sind sich allerdings nicht einig. Die Mehrheit der Erbengemeinschaft billigt die Umwidmung der Mensa, wie Bernd Selbmann vom Amt für Vermögen und Bau Tübingen versichert. Die Minderheit pocht auf das Urheberrecht des Architekten und behält sich vor, gerichtliche Schritte einzuleiten, sollte die Mensa anderweitig genutzt werden.

Die Drohung lässt Selbmann unbeeindruckt. Das Urheberrecht eines Architekten gehe nicht so weit, dass der Architekt dem Eigentümer die Nutzung vorschreiben könne. Werde das Bauwerk bei der Umnutzung nicht verunstaltet,"ist jedem Urheberrecht Genüge getan".

Funktionale und praktische Gründe, sagt Ministerialdirigent Thomas Knödler vom Wissenschaftsministerium, sprächen für einen Neubau. Die Hochschule hat den Ansturm zweier Abitursjahrgänge zu verkraften. Da könne sie nicht ihre Hauptmensa für zwei bis drei Jahre aus dem Betrieb nehmen - dies bedeutete auch eine erheblichefinanzielle Einbuße für das Studentenwerk als Betreiber der Mensa. Knödler strebt an, die neue Mensa zu bauen und danach die alte zu sanieren. Dort könnten dann die Juristen einziehen. Freilich streitet die Bürgerinitiative nicht nur für die alte Mensa, sondern auch für den gleichermaßen unter Denkmalschutz gestellten Hörsaalanbau der Alten Physik. Dieser Anbau müsste wegen des Platzbedarfs der neuen Mensa fallen, die bauliche Einheit der Alten Physik wäre zerstört, warnt die Initiative, was dem Bestreben Tübingens, als Unistadt Weltkulturerbe zu werden, abträglich wäre.

Der Streit wogt. Für Knödler senkt sich freilich die Waagschale zugunsten des Mensa-Neubaus. Mehr als 20 Millionen Euro müsste das Land dafür bereitstellen. Der Mensa-Neubau ist auch im Sinne von Uni-Rektor Bernd Engler, der sich für eine Umgestaltung des Tal-Campus verkämpft. Der befinde sich in keinem Zustand, wie man ihn von einer international ausgerichteten Universität erwarte. In manchen Ecken wirke der Campus wie ein Schrebergarten.

Vom Mensa-Neubau und der Umwidmung der alten Mensa erhofft sich Engler wirtschaftliche Vorteile. So könnten bisher in Miete untergebrachte Institute Raum im Landeseigentum erhalten."Wir wollen eine Reihe von Rochaden auslösen", sagt der Rektor.

Die studentische Hochschulrats-Vertreterin Christin Gumdinger freilich hält dagegen. Der Prozess, so kritisiert sie,"läuft maximal intransparent ab". Und der Hochschulrat werde nicht einbezogen.

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