Die Hoffnung der Landwirte an der Schweizer Grenze auf ein Ende des Äcker-Ausverkaufs schwindet von Jahr zu Jahr mehr. Seit der Franken fast gleich viel wert ist wie der Euro, kaufen Schweizer Landwirte wieder verstärkt Flächen auf der deutschen Rheinseite. Besonders ausgeprägt ist das am Hochrhein im Kreis Waldshut. Die Eigentümer der Grundstücke geben ihnen den Zuschlag, weil die Schweizer mehr bieten können als ihre deutschen Kollegen.

So geht Hektar um Hektar in Schweizer Hände über. "Das wird immer mehr, und das Land ist für immer und ewig weg", klagt Claudia Büche. Sie betreibt mit ihrem Mann Hans-Jürgen und zwei Söhnen einen Aussiedlerhof bei Stühlingen im Kreis Waldshut. Sie haben 90 Milchkühe, 100 Hektar Land und eine Biogasanlage. Auch für die Anlage bräuchte die Familie 150 bis 200 Hektar mehr Fläche. Beide Söhne haben Landwirt gelernt, möchten den Hof übernehmen und erweitern. Aber ohne zusätzliches Land geht das nicht. "Wir haben hier keine Perspektive mehr", sagt die Bäuerin. Sie ist nicht die einzige, die hilflos zuschauen muss, wie sich die Landwirte aus der Schweiz die Äcker unter den Nagel reißen.

Das Freizügigkeitsabkommen zwischen der Europäischen Union (EU) und der Schweiz erlaubt es ihnen, auf deutscher Seite Flächen zu pachten, zu besitzen und zu bewirtschaften. Zusätzlich gibt ihnen ein Zollabkommen von 1958 das Recht, landwirtschaftliche Erzeugnisse zollfrei in die Schweiz einzuführen, sofern die Flächen nicht weiter als zehn Kilometer von der Grenze entfernt liegen. Das ist den Deutschen verwehrt. Obwohl Gemüse und Getreide auf deutschem Boden gewachsen sind, dürfen die Schweizer sie als Schweizer Produkte verkaufen und erlösen in ihrem Land dafür ein Vielfaches mehr als in Deutschland.

"Die Schweizer haben die gleichen Produktionskosten wie die Deutschen, aber einen sehr viel höheren Markterlös", sagt Oswald Tröndle, Waldshuter Kreisvorsitzender des Badischen landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV). Der fordert seit Jahrzehnten gleiche Bedingungen für die Landwirte im Grenzgebiet. Auch deshalb, weil die Schweizer den EU-Landwirten rein rechtlich gleichgestellt sind und EU-Gelder kassieren.

Gerade in der Region Stühlingen sei der Kampf um das Land besonders massiv, sagt Tröndle. Für Stühlinger Bauern sei er aussichtslos. "Für viele Bauern gibt es in der Region keine Zukunft mehr", sagt er.

Wenn Land und Bund nicht in der Lage seien, dem Ausverkauf Grenzen zu setzen, gebe es auf der Gemarkung Stühlingen bald nur noch Schweizer Landeigentümer. Er und die Landwirte fühlen sich von der Politik allein gelassen. "Die lassen uns voll im Regen stehen."

"Das Land hat in den vergangenen 16 Jahren intensiv versucht, im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten, die deutschen Landwirte vor den Wettbewerbsverzerrungenn zu schützen", sagt Ministerialdirigent Joachim Hauck, der im Landwirtschaftsministerium die Abteilung Landwirtschaft leitet. Doch der Europäische Gerichtshof habe die verschärften Regelungen, die das Land einführen wollte, zurückgepfiffen.

Der Versuch der landeseigenen Landsiedlung, im Grenzgebiet Flächen aufzukaufen, um sie an deutsche Landwirte weiter zu verkaufen, sei an hohen Preisen gescheitert. "Die Landwirte konnten oder wollten den Preis nicht bezahlen, den das Land bezahlt hat", sagt Hauck. Darunter hätte es aber nicht verkauft werden können.

Hauck gibt außerdem zu bedenken, dass eine Änderung des Zollabkommens zwar Vorteile für die deutschen Landwirte bringen könnte. In anderen wirtschaftlichen Bereichen wie im Einzelhandel seien dann aber Nachteile zu erwarten. Denn so, wie die Landwirte auf deutscher Seite leiden, leiden die Einzelhändler im Schweizer Grenzgebiet, weil die Schweizer in Scharen in deutschen Läden einkaufen. Würde das Zollabkommen geändert, würde die Schweiz mit großer Wahrscheinlichkeit versuchen, ihre Interessen durchzusetzen - zum Nachteil der deutschen Einzelhändler. "Deshalb will niemand so recht eine Änderung des Zollabkommens angehen", sagt Hauck.

Neue Besitzer

Stärkster Verkauf Aufgrund einer Anfrage des FDP-Landtagsabgeordneten Friedrich Bullinger veröffentlichte das Land eine Tabelle über die Land-Verkäufe und -Verpachtungen an Schweizer Bauern. Demnach wurden seit 1999 bis Ende 2014 über 1673 Hektar Land an Schweizer verkauft, davon gut 952 Hektar im Kreis Waldshut, knapp 512 Hektar im Kreis Konstanz. Verpachtet waren bis Ende 2014 knapp 2865 Hektar, davon die größte Fläche im Kreis Konstanz: 1478 Hektar. wal