Verfolgung Barıs Ates: Ein Opfer Erdogans

Der Tübinger Busfahrer Baris Ates wurde in Spanien verhaftet.
Der Tübinger Busfahrer Baris Ates wurde in Spanien verhaftet. © Foto: Privat
Tübingen / Martin Darms 28.07.2018

Wie geht es Baris Ates? „Danke, mir geht es gut. Und Ihnen?“ Der 43-jährige Lehrer aus dem türkischen Gaziantep hat seine Umgangsformen bewahrt. Er hätte gute Gründe, ungehalten zu sein. Seit gut einem Monat sitzt er in Spanien fest, wegen angeblicher „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“. Die spanische Polizei hat sich, wie schon in anderen Fällen, zum verlängerten Arm des türkischen Erdogan-Regimes gemacht, das seine Gegner überall auf der Welt per Interpol verfolgen lässt.

Ates, der an einem Gymnasium in seiner Heimatstadt Philosophie unterrichtete, kam 2012 nach Deutschland, wo er vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge als Flüchtling anerkannt wurde, da ihm in der Türkei wegen seiner politischen Überzeugungen „Verfolgungsmaßnahmen“ drohten. Wegen seiner Teilnahme an Studentenprotesten im Jahr 2000 hatte ihm die türkische Justiz die Mitglied­schaft in einer bewaffneten Organisation vorgeworfen und ihn für gut zweieinhalb Jahre in Haft genommen. Als ein anderes Gericht in der Türkei entschied, dass er wegen der selben Vorwürfe noch einmal für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis gehen sollte, floh er nach Deutschland.

Seit fünf Jahren lebt Ates mit seiner Familie in Tübingen, wo er als Busfahrer arbeitet. Am 20. Juni brach er mit Frau und Kindern zum Urlaub nach Torremolinos an der spanischen Costa del Sol auf. Kurz vor Mitternacht kamen sie im Hotel an. Es sollte ein sehr kurzer Urlaub werden. „Gegen 3 Uhr nachts klopfte die Polizei an die Tür“, erzählt Ates. „Ich ahnte sofort, dass dahinter der türkische Staat steckte.“ Er kannte den Fall des Kölner Schriftstellers Dogan Akhanlı, dem im August 2017 während eines Spanienurlaubes ganz Ähnliches widerfahren war. Ates hatte Recht: Wie damals Akhanlı wurde auch er wegen eines internationalen Auslieferungsersuchens der türkischen Behörden per Interpol gesucht.

Noch am selben Tag nach seiner Festnahme befasste sich ein Untersuchungsrichter des Nationalen Gerichtshofes in Madrid mit dem Fall und beschloss, Ates unter Auflagen auf freien Fuß zu setzen. Er darf Spanien nicht verlassen und hat sich nach Vermittlung eines in Granada lebenden türkischen Freundes dort ein Zimmer gemietet. Seine finanziellen Mittel sind begrenzt. Die Tübinger Linken-Abgeordnete Heike Hänsel hat ein Spendenkonto für Ates eingerichtet.

Ates muss nun auf das Hauptverfahren des Nationalen Gerichtshofes in seiner Sache warten. Wann das stattfinden wird, ist offen. „Die Auflagen des Untersuchungsrichters zeigen, dass er ihn hier unter Kontrolle haben will“, sagt Ates‘ spanischer Anwalt Alfonso Sell. Er wolle vor Gericht belegen, dass sein Mandant politisch verfolgt werde und eine Auslieferung deswegen nicht in Frage komme.

Zumindest eine Sorge muss  sich Baris Ates nicht machen: Den Job wird er nicht verlieren. „Wir warten auf ihn“, sagt Stephan Kocher unserer Partnerzeitung „Schwäbisches Tagblatt“. Er ist Chef des Busunternehmens, für das Ates seit Februar 2016 durch Tübingen fährt. „Wir hoffen, dass er möglichst bald wiederkommt.“

Ruf nach Ende der Schikanen

Der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg fordert ein Ende der Schikanen gegen türkische Oppositionelle in Europa und der Komplizenschaft der deutschen und anderer europäischen Regierungen mit dem Erdogan-Regime. Anlass ist der Fall des in Tübingen wohnenden linken Oppositionellen Baris Ates, der seit einem Monat in Spanien festgehalten und an der Ausreise gehindert wird.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel