Tübingen Balance im Kloster

Hermann Bausinger: "Elastisches Vorgehen" der Nachkriegspolitiker.
Hermann Bausinger: "Elastisches Vorgehen" der Nachkriegspolitiker.
Tübingen / RAIMUND WEIBLE 19.06.2012
Der Landtag lädt zu Jubiläums-Gastmahlen, um an die Anfänge des Landes zu erinnern. Erster Abstecher: Das Kloster Bebenhausen.

Im antiken Griechenland verstand man unter Symposion ein Trinkgelage. Landtagspräsident Guido Wolf übersetzt den hehr klingenden Begriff lieber mit dem Wort Gastmahl. Solch ein Gastmahl, wohlgemerkt für Hirn und Magen, richtet der Landtag im Landesjubiläumsjahr dreimal aus, jeweils in den Zentren der drei Nachkriegsstaaten im Südwesten, die vor 60 Jahren zum Land Baden-Württemberg zusammenwuchsen. In Bebenhausen, von 1946 bis 1952 Sitz des Landtags von Württemberg-Hohenzollern, machte Wolf den Anfang.

Der Landtag hatte seinerzeit im engen Winterrefektorium des ehemaligen Zisterzienserklosters getagt. Dieser Saal wäre zu klein gewesen für die illustre Gesellschaft, die Wolf geladen hatte. Die geistige Speise ließ er den Gästen im ebenso sakralen Ambiente des Sommerrefektoriums zukommen. Magenfüllende Delikatessen kredenzte Wolf in der frischen Luft des Kreuzgangs.

Wolf wandelte auf den Spuren seines Großvaters Franz Weiß, der im Kabinett Württemberg-Hohenzollerns als Minister für Ernährung und Landwirtschaft diente. Eine schwere Zeit, an die Wolf erinnerte. Die materiellen Bedingungen waren verheerend, das Land litt unter den Restriktionen und Reparationen der französischer Besatzer. Es habe gegolten, das Schlimmste zu verhindern, sagte Gründer-Enkel Wolf.

Der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger lobte das "elastische Vorgehen" der Nachkriegspolitiker, denen im Ganzen das Austarieren gelungen sei. Die Balance zu finden in der Politik, das war Bausingers Thema an diesem Abend, und daran arbeitete er sich in seinem 40-minütigen Vortrag ab, wobei er auch auf aktuelle Balanceproblemen zu sprechen kam, beispielsweise beim Miteinander von direkter und indirekter Demokratie.

Den Abend vergoldeten Bernhard Hurm und Uwe Zellmer vom Melchinger Lindenhof. Die Theaterleute zitierten schwäbische und badische Dichter und schafften so auf ihre Weise Balance.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel