S21 Bahn startet virtuelles Modell von S21

TOBIAS KNAACK 05.10.2016
Die Bahn versucht mit einem virtuellen Modell zu Stuttgart 21 neue Befürworter zu gewinnen. Das soll stationär und auf Handy, PC und VR-Brille erlebbar sein.

Stuttgart 21 wird deutlich früher fertig. Der neue Termin ist Ende dieses Jahres. Aktuell muss vor allem noch im Umfeld des neuen Tiefbahnhofs gearbeitet werden, ein paar Häuser benötigen noch eine Fassade, drinnen aber sieht es schon sehr hell und aufgeräumt aus. Schon ganz bald kann hier gereist werden – zumindest in der Virtuellen Realität.

Die Agentur Plan B arbeitet im Auftrag des Bahnprojektes Stuttgart–Ulm aktuell an einem virtuell begehbaren Modell, das man sich auf dem Smartphone, am Computer, auf einem Bildschirm im Turmforum oder per Virtual-Reality-Brille (VR) anschauen kann. Ziel sei es, den Bahnhof schon heute in seinen Details erleb- und erfahrbar zu machen, sagt David Bösinger, Leiter des Turmforums im Stuttgarter Hauptbahnhof.

15.30 Uhr zeigt die Uhr an. Auf Gleis 4 soll in Kürze ein IC nach Zürich einfahren, etwas später wird am Nachbargleis 3 ein ICE nach München erwartet. Durch ein Lichtauge fällt Tageslicht ein, durch das Gitternetz ist blauer Himmel zu sehen. Drehung um 90 Grad nach links: Der Blick fällt auf die Bahnsteige mit den Gleisen 5 und 6 sowie 7 und 8. Auf dem Boden spiegeln sich Pfeiler, Säulen und Wagenstandanzeiger. Eine weitere Drehung um 90 Grad nach links: Rolltreppen und Stufen, davor auf dem Boden die Leitwege für Sehbehinderte. In der Ferne mündet der Blick in einer Tunnelröhre. Und noch eine Tour nach links: Rechterhand ist über den Gleisen ein Verteilersteg, geradeaus der Bahnsteig mit den Gleisen 1 und 2, durch ein weiteres Lichtauge fällt Sonnenlicht auf das Gleisbett.

Modell in 20 Bildern

Der Bahnsteig ist einer von 20 Orten in und um den Bahnhofsneubau, an denen man sich das Gebäude und sein Umfeld virtuell erschließen kann. Die neu gestaltete Halle im renovierten Bonatzbau, auf einem Verteilersteg, eine erhöhte Perspektive vom Hotel „Graf Zeppelin“ aus, Lichteinfall, Wolken, Spiegelungen auf dem Boden: „Keiner kennt das Projekt so gut wie wir“, sagt Andreas Pflomm, Geschäftsführer von Plan B, und lacht.

Seit 2014 arbeitet er mit zehn Mitarbeitern daran, den Bahnhof in Szene zu setzen. Jedes Detail muss bedacht werden, jeder Wegweiser, jede Oberleitung. Das schwierigste seien die ständigen Modifikationen, sagt Pflomm. So wie sich die Planung für den Bahnhof aufgrund neuer Bestimmungen verändert, muss auch das Modell Schritt halten und modifiziert werden. Sonst gibt es Kritik: von Seiten des Architekten, vom Projektverein oder von Gegnern des Tiefbahnhofs.

Diskussion über Details

Wenn seine Agentur einen neuen Stand auf Facebook präsentierte, habe es wiederholt wütende Posts gegeben, berichtet Pflomm. Gegner suchten nach Details, die nicht stimmten, und äußerten ihren Unmut: Der kommunikative Kampf um S 21 wird nun also auch auf virtueller Basis geführt. Aus Sicht des Bahnprojekts Stuttgart–Ulm soll das Modell ein weiterer Teil in der Kommunikationsstrategie zum Bahnhof sein. Turmforums-Leiter Bösinger ist sicher, dass das virtuelle Erleben begeistern und für weitere Zustimmung für das Projekt sorgen wird. „Hätten wir das früher gehabt, wären viele Menschen schon lange überzeugt“, glaubt er.

Das aber war schlicht nicht möglich, da die VR-Technik sich nach einer kurzen Hochphase Mitte der 1990er erst in den vergangenen Jahren rasant weiterentwickelte und erschwinglich geworden ist, erklärt Joachim Tesch, der am Tübinger Max-Planck-Institut für Hard- und Software im Bereich Virtual Reality zuständig ist. Befördert wurde der große Sprung Tesch zufolge vor allem von der Entwicklung im Bereich der Handydisplays sowie dem verbesserten Tracking, also dem Verfolgen der Augenbewegung der Nutzer. Heute seien Blickwinkel von 90 bis zu 100 Grad bei höchster Auflösung durchaus möglich.

Die wollen Pflomm und seine Kollegen natürlich voll ausschöpfen. Entsprechend groß ist die Datei des Modells: sechs Gigabyte. Damit der Bahnhof noch lebendiger wird, wollen sie animierte Menschen und Züge in das Modell integrieren. Dazu werden etwa vor einem Bluescreen Menschen in Bewegung gefilmt und in die jeweilige Szenerie eingesetzt.

Videodrehs und Fotosessions

Ohnehin liegt dem Modell umfangreiche Foto-Arbeit seitens der Agentur zugrunde, die weite Teile des Bahnhofumfelds ebenso „modelliert“ wie den Bahnhof an sich. Am künftigen Straßburger Platz etwa, dem begehbaren Dach des neuen Tiefbahnhofs mit den markanten Lichtaugen, sind noch „im Rohbau“. Anhand der Fotos bestehender und den Daten der neu entstehenden Gebäude bauen Pflomm und sein Team Stuttgarts neue Innenstadtverbindung schon mal vor.

Diese Art der Informationsvermittlung nehme stark zu, sagt Forscher Tesch. Und auch Pflomm kann aus seiner Agentur ähnliches berichten: Er visualisiert für Architekten ebenso wie für große Unternehmen wie Daimler und Porsche – egal ob in der internen oder externen Kommunikation, denn so sagen beide unisono: „Ein virtuelles Bild sagt mehr als  tausend Worte.“

Ende des Jahres soll nun also das virtuelle Bild des Bahnhofs mit dem dann aktuellen Stand der Planung mehr als die vielen (bereits gemachten) Worte sagen. Sorgen um den Zeitplan muss man sich also nicht machen. Und die Kosten  werden trotz der vielen Tage (und Nächte), die Pflomm und sein Team in die Entwicklung investiert haben, wohl auch knapp unter den für den Bahnhof veranschlagten 6,5 Milliarden Euro bleiben.

Ausstellung mit Rekordzahlen

600 Führungen wird es in diesem Jahr voraussichtlich auf Baustellen von S 21 und Neubaustrecke geben.  Im ersten Jahr der Touren, 2014, waren es 84 gewesen. Im vergangenen Jahr war die Nachfrage sprunghaft angestiegen, 2015 gab es 468 geführte Baustellenbegehungen.

850 geführte Touren wird es Schätzungen von Turmforumsleiter David Bösinger zufolge in diesem Jahr in den Ausstellungsräumen im Bonatzbau geben. Das ist geringfügig weniger als im vergangenen Jahr (859), liegt aber deutlich höher als 2013 und  2014, als es 518 respektive 602 gegeben hatte.

2016 wird, so die Prognosen, auch das besucherstärkste Jahr der Ausstellung im Stuttgarter Hauptbahnhof werden. Bösinger rechnet mit 250.000 Menschen. Bis Ende August waren es 180.000. Im Vorjahr waren es insgesamt 245.000, 2013 war man mit 205.000 Besuchern gestartet. tk