Stuttgart Bahn droht neue Konkurrenz im Fernverkehr

In sechseinhalb Stunden will Locomore von 2017 an Stuttgart und Berlin verbinden. Auch zur Strecke Stuttgart–München hat das Unternehmen schon Pläne.
In sechseinhalb Stunden will Locomore von 2017 an Stuttgart und Berlin verbinden. Auch zur Strecke Stuttgart–München hat das Unternehmen schon Pläne. © Foto: SWP Grafik/Schwarz-Krapp Quelle: Locomore
Stuttgart / SARA VOGT 10.12.2015
Im Herbst 2016 wird die Bahn auf der Strecke Stuttgart - Berlin Konkurrenz bekommen. Die Firma Locomore will die beiden Städte per Zug verbinden. Fachleute begrüßen die Initiative - sind aber auch skeptisch.

Stuttgart - Ein Zugabteil für Fußballfans. Ein Abteil, um in Ruhe zu arbeiten. Oder ein Abteil, in dem sich alles um das Kind dreht: In der Vision des Startup-Unternehmens Locomore vom Fernreisen kann der Reisende sich künftig seine Sitznachbarn schon bei der Buchung aussuchen. Ein solches Angebot soll von September 2016 an auf der Strecke Stuttgart-Berlin angeboten werden. Bei Erfolg ist für 2017 auch eine Verbindung Stuttgart-München über Ulm und Augsburg geplant.

"Mit Crowdfunding wollen wir eine frühe Kundenbeziehung aufbauen", sagt Locomore-Chef Derek Ladewigs. Die Fahrgäste können vorab mit dem Kauf von Tickets oder auch per Darlehen das Berliner Startup unterstützen. Die Hälfte der angestrebten 460.000 Euro seien schon da.

Konkurrenz im Fernverkehr? Die Deutsche Bahn (DB) nimmt's gelassen. "Wir stellen uns dem Wettbewerb", sagt ein Sprecher. Ein Vorteil der DB liege auf der Hand: Indem sie deutschlandweit viele Strecken und pro Tag viele Fahrten anbiete, könne sie schwach besetzte Züge und Linien verkraften. Die Konkurrenz indes müsste mit ihren Einzelstrecken die Kosten voll einfahren. Auch habe die Bahn einen Vorteil bei der Trassen-Vergabe. "Zwei Züge können nicht zur selben Zeit fahren, da muss entschieden werden, wer Vorrang hat", sagt der Sprecher. Der getaktete Verkehr würde dann bevorzugt - also jener der Bahn.

Den Rahmenvertrag für die benötigten Trassen habe man mit der DB Netz schon geschlossen, sagt Locomore-Chef Ladewig. Er läuft fünf Jahre. Die Fahrt von Stuttgart nach Berlin soll sechseinhalb Stunden dauern. Zum Vergleich: Ein durchgehender ICE der Bahn braucht rund fünfeinhalb, ein ICE-Sprinter gut fünf Stunden. Um 6.40 Uhr soll der neue Zug von Stuttgart aus nach Berlin fahren und um 14.55 Uhr wieder zurück.

"Die Strecke hat eine hohe Nachfrage und wir hoffen, dass es sich schnell selbst finanziert", sagt Ladewig. Momentan kosten die Tickets 22 Euro. Später sollen sie zwischen 22 und 60 Euro liegen. "Je früher gebucht wird, desto günstiger", sagt der Locomore-Chef. Es gebe nur einen Preis pro Tag - Sonderangebote sind nicht vorgesehen.

Doch wie kommt man an die Tickets? Hier hakt Stefan Buhl, Landeschef des Fahrgastverbands Pro Bahn, ein. Er fürchtet Nachteile für den Fahrgast, der bislang nur einen Verkaufsautomaten, nur ein Onlinebuchungssystem bedienen muss. "Wenn das System nicht mehr aus einem Guss besteht, könnte es zu Problemen kommen", sagt Buhl. Locomore selbst erklärt, man sei noch auf der Suche nach Vertriebspartnern und ziehe auch eine Kooperation mit der DB in Erwägung.

Matthias Gastel, bahnpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, spricht ebenfalls die Verknüpfung der beiden Unternehmen an. In diesem Fall sei die Zusammenarbeit zwischen Locomore und DB gefragt. Aber auch die Politik sei in der Pflicht, "um attraktive Vertaktungen der Angebote zu ermöglichen, die Reisezeiten zu verkürzen und Reiseketten verlässlicher zu gestalten", sagt Gastel. Ziel sei ein integraler Takfahrplan, wie ihn das kürzlich vorgestellte Konzept "Deutschland-Takt" liefern soll.

Als Filderstädter Abgeordneter pendelt Gastel oft per Zug nach Berlin. "Daher bin ich vor allem gespannt, ob der neue Anbieter in Punkto W-Lan und gastronomischer Versorgung verlässlicher als der große Bahnkonzern sein wird." Locomore will liefern: Die Abteile in ihren Züge sollen mit Arbeitstischen, Steckdosen und kostenlosem W-Lan ausgestattet sein. Dazu wirbt das Startup mit "öko-fairem Bordcatering".

Der Schwäbisch Gmünder CDU-Abgeordnete und Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Norbert Barthle, sieht Chancen für Locomore. Der Erfolg der Fernbusse verdeutliche das vorhandene Potential - "zumindest wenn Qualität und Preis stimmen". Barthle sieht durchaus Vorteile im zusätzlichen Angebot. "Nun lassen wir erstmal die ersten Züge ab kommenden Jahr fahren, dann wissen wir mehr." "Belebung und frische Ideen schaden schließlich auch nicht bei der Mobilität, die sich wegen der Digitalisierung rasant wandelt."

Info: Das Startup Locomore stellt seine Pläne am Mittwoch von 19 Uhr an im Stuttgarter Rotebühlzentrum vor.

Seit 2007 im Geschäft

Das Unternehmen Locomore wurde im Jahr 2007 von Derek Ladewig gegründet mit dem Ziel, neue Fernverkehrsangebote auf die Schiene zu bringen. Mit einem Investor und der US-Firma Railroad Development war Locomore auch am Hamburg-Köln-Express (HKX) beteiligt. Dann gingen die Firmen getrennte Wege. "Wir wollten ein paar Sachen anders machen und das durchsetzen, was dem Kunden wichtig ist", sagt nun Derek Ladewig.

 

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