Für Egon Beuschlein, Ortsvorsteher des Wertheimer Stadtteils Dertingen, ist die Landesregierung im fernen Stuttgart "ein Lügenverein". Der CDU-Kommunalpolitiker ist, wie angeblich alle 860 Einwohner seines Dorfes, "sprachlos vor Wut und Entsetzen". Grund der Empörung ist der aufgeschobene Ausbau eines 6,8 Kilometer langen Abschnittes auf baden-württembergischem Gebiet der ansonsten bayerischen Autobahn 3. Der Ort leidet unter dem Ausweichverkehr. "Dertingen will zu Bayern", ist am Ortseingang zu lesen, seit Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) der A 3 einen hinteren Platz auf seiner Prioritätenliste zugewiesen hat.

Die Fernstraße gilt als eine der wichtigsten Verkehrsadern. Die A 3 ist nicht nur stark frequentiert, sie ist auch stauträchtig - und gefährlich. Die Notwendigkeit einer Erweiterung auf sechs Spuren wurde am 26. Januar 2012 durch den tödlichen Unfall bayerischer Bereitschaftspolizisten unterstrichen. Auf der Rückfahrt von einem Einsatz kamen zwei Beamte ums Leben. Weil die grün-rote Landesregierung frühestens 2017 mit dem Ausbau beginnen möchte, wird ihr in Wertheim mit Blick auf "Stuttgart 21" vorgehalten, "Juchtenkäferlarven sind ihr wichtiger als Menschenleben".

Der Kreistag des Main-Tauber-Kreises hat in einer Resolution - gegen die Stimmen von drei Grünen - gefordert, den sechsstreifigen Ausbau"zügig fertigzustellen". Dazu sei Hermanns Zeitplan zu korrigieren. Eine Sprecherin des Verkehrsministers verweist dagegen auf die"erhebliche Unterfinanzierung im Bundesfernstraßenbau". Deshalb müssten bei der Verkehrsinfrastruktur"Schwerpunkte gesetzt" werden. Die A 3 gehört nicht dazu.

Das Geld für Autobahnen kommt zwar vom Bund, ausgegeben wird es jedoch von den Ländern. "Es ist geplant gewesen, die A 3 gemeinsam auszubauen, aber Baden-Württemberg zieht nicht mit", sagte Rainer Hutka vom CSU-geführten Innenministerium in München der SÜDWEST PRESSE. Deshalb gebe es eben den Alleingang. "Wir machen, was möglich ist, auf unserer Seite Zug um Zug." Im Herbst sollen die Arbeiten beginnen. "Wir hoffen, dass wir in diesem Jahrzehnt noch fertig werden." Bleibt Stuttgart stur, entsteht ein Flaschenhals.

Dabei könnten auch auf dem baden-württembergischen Abschnitt unverzüglich die Baumaschinen anrollen. Der Grunderwerb ist gesichert, eine Anlage zum Schutz des Grundwassers ist seit 2011 betriebsbereit. Es gebe seit April 2007 einen "rechtskräftig bestehenden Planfeststellungsbeschluss" mahnt Landrat Reinhard Frank (CDU) den Verkehrsminister. Werde erst 2017 gebaut, drohe der Beschluss zu verfallen. Den Bürgern sei schwer zu vermitteln, "dass die Bagger an der Landesgrenze stehen bleiben müssen".

DerÄrger über die Landesregierung ist nicht auf die Zerferei um die Autobahn begrenzt. In Wertheim wird befürchtet, dass der auch für Infrastruktur zuständige Grüne Hermann eine anstehende Erweiterung des Schnäppchendorfes "Wertheim Village" im Stadtteil Bettingen verhindert. Innenminister Reinhold Gall (SPD) muss sich harsche Kritik gefallen lassen, weil er keine Lösung für die Folgenutzung nach dem Verzicht auf die Polizeiakademie ab 2015 anbieten konnte. "Außer Spesen nichts gewesen", fasste der empörte Oberbürgermeister Stefan Mikulicz (CDU) das Ergebnis des Ministerbesuchs zusammen, "so kann man mit uns im Norden nicht umgehen".