Günter S. spricht mit zittriger Stimme. Der pensionierte Verfassungsschützer mit grauen Haaren und schwarzem Anzug kämpft um seine Glaubwürdigkeit: Er will bereits 2003 von einem Informanten namens Torsten O. alias "Stauffenberg" den Begriff NSU gehört haben. Daran könne er sich genauso klar erinnern wie an den Namen Mundlos. Allerdings gibt es keinen Vermerk - "weil man uns gesagt hat, das ist nicht unsere Aufgabe. Das geht den Verfassungsschutz nichts an: Vernichten!"

Falls die Angaben des 63-Jährigen stimmen, hatten Behörden früh Hinweise auf den NSU. Die offizielle These lautet: Die Mordserie an neun Migranten und einer Polizistin konnte nicht verhindert werden, weil der Zusammenhang erst am 4. November 2011 bekannt wurde: nach dem mutmaßlichen Selbstmord von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in Eisenach.

Die Version von Günter S. geht so: "Stauffenberg" meldet sich im August 2003 bei einem Pfarrer in Flein (Kreis Heilbronn), weil er brisante Informationen habe und sein Telefon überwacht werde. Pfarrer Erich H. bestätigt dies gestern vor dem Ausschuss: "Mein Eindruck war: Da ist was dran." Er stellte den Kontakt zu Günter S. her. Der Beamte kommt Tage später.

"Hauptsächlich ging es in den ersten drei Stunden um den Mossad", so S. über das Gespräch mit O.. Für ihn seien die Angaben unglaubwürdig gewesen. Als er gehen wollte, habe ihm O. den NSU genannt. Es handle sich um eine rechtsterroristische Organisation. Diese Information habe er durch Mitgefangene erhalten. O. habe davon berichtet, dass er zum Ausspähen von Banken eingesetzt worden sei. Außerdem habe er in einem Stadtplan Moscheen einzeichnen sollen.

Damals sei die Spur nicht weiter verfolgt worden - ein NSU sei in keinem System gestanden, so S.. Erst nach dem Auffliegen der mutmaßlichen Terrorzelle habe er sich an 2003 erinnert. Er meldet sich am 23. November 2011 beim Bundeskriminalamt. Statt Lob bekommt er allerdings Ärger. "Sie wollten gegen mich wegen Geheimnisverrats ermitteln", berichtet S. in Stuttgart.

Vor dem Berliner NSU-Ausschuss hatte der Beamte 2013 ausgesagt, er habe damals auf Anweisung seiner Vorgesetzten den Vermerk zu Mundlos und NSU löschen müssen. Diesen Vorgang dementiert S. gestern allerdings - was Wolfgang Drexler (SPD) "sehr verwundert". Dass er seine Aussage wegen behördlichem Druck revidiert hat, bezweifelt der Ausschussvorsitzende. "Eine Falschaussage vor dem U-Ausschuss bringt deutlich mehr Ärger."

Seine einstigen Kollegen stellen S. als jemanden dar, der sich etwas zusammengereimt hat. Geladen ist auch Informant "Stauffenberg": Ein großgewachsener Mann mit blauem Pulli und langen blonden Haaren, der nach eigener Meinung immer wieder von Gerichten zu Unrecht verurteilt wurde. Am Montag wird er in Handschellen in den Plenarsaal gebracht. "Wie kommt dieser S. auf die Idee, solche Geschichten zu erzählen?", schimpft Torsten O., der immer wieder den Fragen von Drexler ausweicht. In seinem Gespräch mit S. damals sei es nicht um den NSU gegangen.

Das Amt hatte den Informanten 2003 als unglaubwürdig eingestuft. Sein Hinweis landete im sogenannten "Spinner-Ordner". Für Günter S. ist die Sache aber nicht abgehakt. Er mache sich schwere Vorwürfe, dass er der Spur nicht nachgegangen ist und dass möglicherweise die Morde hätten verhindert werden können. "Das war im Nachhinein ein großer Fehler. Das beschäftigt mich Tag und Nacht." S. Glaubwürdigkeit bleibe letztlich offen, sagt Mathias Pröfrock (CDU) nach der Vernehmung - und fügt hinzu, dass er dennoch Zweifel habe, dass sich alles so zugetragen habe, wie von S. berichtet. Das meint auch Nikolaos Sakellariou (SPD), für den mehr Fragen geblieben sind als Antworten. Jürgen Filius (Grüne) sagt dagegen, S. sei glaubwürdig, er habe sich in seiner Bürgerpflicht mit dem Hinweis ans Amt gemeldet. "Wieso sollte er das sonst tun?"

Hinweise zum NSU gab es im Übrigen schon 2002 im rechten Magazin "Der weisse Wolf", wo in einem Beitrag dem NSU gedankt wird. Außerdem soll Thomas Richter alias "Corelli", ein unter mysteriösen Umständen gestorbener V-Mann, 2005 eine CD mit dem Titel "NSU/NSDAP" verteilt haben. Dieser Komplex soll aber erst in den nächsten Wochen thematisiert werden.

Neue Zeugen

Sitzung Der NSU-Ausschuss tagt am Mittwoch nichtöffentlich. Geplant ist, das weitere Vorgehen zu diskutieren. Zunächst sollen Bezüge Rechtsextremer nach Baden-Württemberg beleuchtet werden. Im Mai werden Akten zum V-Mann "Corelli" erwartet. Erst mit diesen lasse sich der Komplex Ku-Klux-Klan aufarbeiten, so Wolfgang Drexler. Anschließend geht es mit dem Heilbronner Polizistenmord weiter.