Sicherheit Ausbildungsoffensive bei der Polizei

Polizeausbildung in Biberach: Je 1800 Anwärter sollen dieses und nächstes Jahr eingestellt werden.
Polizeausbildung in Biberach: Je 1800 Anwärter sollen dieses und nächstes Jahr eingestellt werden. © Foto: Elena Kretschmer
Stuttgart / Hans Georg Frank 12.04.2018
Baden-Württemberg investiert 60 Millionen Euro in die Infrastruktur für mehr Ausbildungsplätze bei der Polizei.

Die „größte Einstellungsoffensive in der Geschichte der Landespolizei“, die Innenminister Thomas Strobl (CDU) umsetzen will, gerät ausgerechnet in seiner Heimatstadt zur „großen Herausforderung“. Das Polizeipräsidium Heilbronn muss 40 erfahrene Beamte für die Ausbildung in Wertheim abstellen. Im Gegenzug sollen nur etwa 35 junge Kommissare nach Heilbronn geschickt werden. Doch der Minister versichert, „die innere Sicherheit in Heilbronn ist gewährleistet“.

Je 1800 Ordnungshüter sollen in diesem und im kommenden Jahr in Baden-Württemberg ausgebildet werden. So viele wie nie zuvor, nachdem die Zahl der Polizei-Azubis zuletzt auf 1400 gesteigert worden ist. Bei der Vorstellung des Konzepts in Wertheim (Main-Tauber-Kreis) sprach der Innenminister von einem „Kraftakt für die gesamte Polizei“.

Rechtsstreit beendet

Die Kosten der Neuordnung werden auf 60 Millionen Euro geschätzt. Das Geld fließt hauptsächlich in die Modernisierung bestehender Gebäude. In Herrenberg etwa muss die frühere IBM-Niederlassung saniert werden, was wohl 30 Millionen Euro kosten wird, sagte Martin Schatz, der Präsident der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen. Nachdem ein Rechtsstreit um die Vergabe der Arbeiten beendet ist, soll im Mai begonnen werden. Mit dem „Vollbetrieb“ rechnet der Präsident zum 1. September 2019. Ursprünglich war der Bezug diesen Herbst angepeilt worden. In Böblingen muss daher das Institut für Fortbildung Platz machen für eine Zwischenlösung. Vier Ausbildungsklassen, die in Herrenberg unterrichtet werden sollten, werden dorthin verlagert. Quartiere sind vorhanden. Für den Unterricht der 100 angehenden Polizisten werden spezielle Container beschafft.

Auch Villingen-Schwenningen braucht mehr Platz, wofür rund 16 Millionen Euro ausgegeben werden sollen, erklärte Schatz. An den Standorten in Lahr und Biberach koste die „weitere ­Verdichtung“ jeweils sechs Millionen Euro. Für die Beamtinnen und Beamten in Ausbildung – amtliches Kürzel BiA – soll es je 150 Unterkunftsplätze zusätzlich geben. In Biberach werden dafür ab  September Modulbauten aufgestellt.

Am 1. Juli beginnt in Wertheim der Start für 210 Kommissarsanwärter. Im Herbst werden 90 künftige Beamte des mittleren Dienstes folgen. Für die Unterbringung gibt es Zwei-Bett-Zimmer. Die Räumlichkeiten sind größtenteils vorhanden, weil auf dem Areal einer früheren US-Kaserne im Stadtteil Reinhardshof schon 1993 eine Landespolizeischule eingerichtet wurde. Daraus entstand 2000 eine Polizeiakademie, die 2015 geschlossen wurde. Danach wurde die landeseigene Immobilie zur Flüchtlingsaufnahme genutzt. In die acht Gebäude steckt das Land neun Millionen Euro, um einen zeitgemäßen Zustand herzustellen. Teilweise reiche  „eine Pinselsanierung“, sagte der  designierte Schulleiter Richard Zorn.

Schäden durch Brandanschlag

Dennoch muss Minister Strobl noch vier Millionen Euro für Anmietungen einplanen. Zum Schießtraining beispielsweise fahren die Azubis nach Külsheim. Für die körperliche Ertüchtigung gibt es zwar eine Sporthalle, aber diese ist wegen der Schäden durch einen Brandanschlag im September 2015 erst nächstes Jahr verfügbar. Bis dahin weichen die Polizisten in spe auf städtische Liegenschaften aus.

Es sei „kein ganz fern liegender Gedanke“, die Polizeiausbildung dort anzubieten, wo sie schon einmal gewesen sei, erklärte Strobl. Damit wies er die Kritik an einer Abfuhr für Meßstetten zurück, nachdem sich die Stadt Hoffnungen auf einen Zuschlag für eine solche Einrichtung gemacht hatte. Dort war eine Kaserne frei geworden, in der Flüchtlinge aufgenommen worden waren. Die Reaktivierung in Wertheim soll auch als „ein Bekenntnis für den Norden des Landes und den ländlichen Raum allgemein“ verstanden werden.

Die Arbeitsplätze in Wertheim waren sehr begehrt. Für 34 Positionen gingen 515 Bewerbungen ein.

„Sinnstiftende Tätigkeit mit emotionaler Bindung“

Auf 1800 Lehrstellen bei der Polizei haben sich 5600 Interessenten beworben. Darunter seien so viele mit sehr guten Qualifikationen gewesen, „dass wir eine Auswahl treffen konnten“, sagte Innenminister Thomas Strobl. 80 bis 90 Prozent kämen aus Baden-Württemberg, Frauen machten rund ein Drittel aus.

Die Ausbildung für den mittleren Dienst dauert 30, für den gehobenen Dienst 45 Monate. Um genug Ausbilder zu bekommen, sollen Beamte im Ruhestand reaktiviert werden. Der Mangel an Lehrkräften und die Unterbringung in Provisorien zeugten von „Flickschusterei“, kritisierte Sascha Binder von der SPD-Fraktion.

Die Abbrecherquote schätzte Ralf Kusterer von der Deutschen Polizeigewerkschaft auf zehn Prozent, was mangelnde Attraktivität von Ausbildung und Beruf belege. Dem widersprach Strobl, nur etwa sechs Prozent seien ausgestiegen. Die Arbeit sei eine „sinnstiftende Tätigkeit mit emotionaler Bindung“. hgf