Dialekte Auf einer Sprachinsel gestrandet

Fichtenau / Harald Zigan 11.08.2018

Viele Rätsel ranken sich um die Jenischen – ambulante Händler, die schon vor Jahrhunderten durch die Lande zogen und ihre Waren und Dienste von Haus zu Haus feilboten. Im Nebel der Geschichte liegen auch die Ursprünge ihrer Sprache, die für Außenstehende einem Buch mit sieben Siegeln gleicht. Vor allem auf Sprachinseln inmitten von Hohenlohe, wo ansonsten ein fränkischer Dialekt vorherrschend ist, hat die jenische Geheim- und Berufssprache bis heute überlebt.

In den vier ehemals selbstständigen Dörfern Unterdeufstetten. Matzenbach, Wildenstein und Lautenbach, die seit der Gemeindereform im Jahr 1973 unter dem Namen  Fichtenau eine Kommune im Landkreis Schwäbisch Hall bilden, gibt es noch Menschen, die über einen „Fiesel“ lachen können, der im Zustand der „Schwächerei“ einer „gwanden Tschai“ beim Tanzen auf die Füße trampelt und mit einem „Kass mei Waddl“ abgefertigt wird – ein junger Mann hat also im Suff ein hübsches Mädchen vergrätzt und dafür das Götz-Zitat kassiert.

Derber Sprachwitz

Der Sprachwissenschaftler Klaus Siewert von der Universität Münster hat rund 150 Ort­schaften in ganz Deutschland ausgemacht, wo das stark vom jeweiligen örtlichen Dialekt gefärbte Jenisch mit seinem Wortschatz aus dem schon im 13. Jahrhundert verwendeten Rotwelsch der „Vaganten“ und aus dem Jiddischen zwar noch verstanden, aber immer weniger gesprochen wird. Ausdrücke aus dem Romanes finden sich ebenfalls bei den Jenischen, die aber nicht zu den Sinti oder Roma zählen. In Pfedelbach bei Öhringen im Hohenlohekreis hat sich das Jenische ebenfalls gehalten. Dort wurde die neue Festhalle sogar auf den Namen „Nobelgusch“ getauft – was nichts anderes wie „edles Haus“ bedeutet. Und die Schülerzeitung einer Pfedelbacher Bildungsstätte trägt den Titel „Galmenguffer“ – ein schönes Beispiel für den derben Sprachwitz des Jenischen: „Galmen“ sind die Kinder und der „Guffer“ ist der Prügler …

In der Diaspora überlebt hat die Geheimsprache der Händler zum Beispiel auch in Fachsenfeld bei Aalen, in Leinzell nahe Schwäbisch Gmünd, in Bopfingen (Ostalbkreis), in Singen, in Lützenhardt im Schwarzwald und in den mittelfränkischen Städten Schillingsfürst und Schopfloch.

Kühne Kelten-Theorie

Die Wurzeln der Jenischen liegen völlig im Dunkeln. Kühne Theorien gehen etwa davon aus, dass es sich um die Reste eines keltischen Volksstammes aus vorchristlicher Zeit, um ausgewanderte Helvetier aus der Schweiz oder um Flüchtlinge aus Slowenien handelt.

Höchstwahrscheinlich dürften aber die Wirren des von 1618 bis 1648 vor allem in Süddeutschland tobenden Dreißigjährigen Krieges dafür verantwortlich gewesen sein, dass Abertausende von entwurzelten Menschen nach einer neuen Heimstatt gesucht haben, die ihnen dann auch von etlichen Ortsadeligen geboten wurde. So war es auch in Fichtenau, wo die Grundherren ihre durch den Krieg und die Pest völlig entvölkerten Dörfer wieder aufbauen wollten – und die leeren Kassen wieder mit Steuern und allerhand Abgaben füllen.

Weil die ortsansässigen Bauern aber nichts von ihrem Land abgaben, blieb den verarmten, noch dazu katholischen Neubürgern in diesem protestantischen Landstrich nur der Hausierhandel. Die Reiserouten der Fichtenauer Händler, die sich einst auf die Herstellung und den Verkauf von Bürsten und Besen spezialisiert hatten, führten bis nach Ostpreußen und ins benachbarte Ausland – zu Fuß und später mit dem Planwagen. Die „Rois“ startete an Lichtmess (2. Februar), erst zu Martini (11. November) kehrten die Jenischen wieder in ihre Heimatdörfer zurück.

Opfer des NS-Rassenwahns

Heute leben noch rund 50 jenische Familien in Fichtenau, von denen etliche noch die alte Handelstradition ihrer Vorfahren auf Jahrmärkten und Messen pflegen. Zu ihnen zählt Jakob Kronenwetter, der den Stammbaum seiner Familie bis zum Jahr 1651 zurückverfolgen kann und schon mehrere Bücher über die Geschichte der Jenischen aus Fichtenau verfasst hat.

In der NS-Diktatur gerieten auch die Jenischen in das Visier der Machthaber. Die Drangsal begann mit dem Entzug der überlebenswichtigen Wandergewerbescheine und mit Zwangssterilisationen. Die Verfolgung gipfelte in der Ermordung von zahllosen Jenischen in Konzentrationslagern.

Als NS-Opfergruppe sind die Jenischen bis heute nicht anerkannt. Den schätzungsweise rund 40 000 Jenischen in Deutschland fehlt auch der Status als nationale Minderheit. Erst in jüngster Zeit gibt es Bemühungen von Historikern, das „vergessene Volk“ in den Blickpunkt zu rücken. Ob seine Sprache eine Überlebenschance hat und auch künftig noch „Lachebatscher“ (Enten) in den Weihern von Fichtenau dümpeln, bleibt allerdings fraglich.

Freilandmuseum würdigt die Jenischen

Einmalig in Deutschland ist eine Dauerausstellung im Hohenloher Freilandmuseum in Wackershofen bei Schwäbisch Hall, die seit 2017 mit zahlreichen, bis dahin unveröffentlichten Dokumenten und Fotos nicht nur die Geschichte der jenischen Händler in Süddeutschland, sondern auch deren Sprache in den Blickpunkt rückt. Thematisiert wird auch die Verfolgung der Jenischen in der NS-Zeit. Das Freilandmuseum ist in der Sommersaison bis zum 30. September täglich von
9 bis 18 Uhr geöffnet. haz

Wo noch Fiesel und gwande Tschai wohnen
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