Baden-Württemberg Auf der Suche nach dem „Plan B“ für „Ella“

Stuttgart / Axel Habermehl 17.08.2018

Noch liegt die Zukunft des in Turbulenzen geratenen Digitalprojekts „Ella“ im Dunkeln. Klarer wird sie frühestens in zwei Wochen. So lange hat Iteos, der Entwickler der „Elektronischen Lehr- und Lernassistenz“, Zeit, einen Subunternehmer, die US-Softwarefirma Veritas, vertraglich zur Umsetzung nachträglicher Anforderungen zu bewegen. Das Ergebnis prüfen die Auftraggeber: Kultusministerin Susanne Eisenmann und Innenminister Thomas Strobl. Die beiden CDU-Politiker entscheiden dann, ob „Ella“ weitergeführt oder gestoppt wird.

Aus den Gesprächen dringt nichts nach außen. Iteos reagiert nicht auf eine Anfrage. Veritas lehnt es ab, Fragen zu beantworten, mailt nur eine Stellungnahme: „Veritas unterstützt das Ella-Projekt uneingeschränkt und arbeitet eng mit Iteos zusammen, um das Projekt erfolgreich zu übergeben. In komplexen Projekten wie dieser Cloud-Plattform wird Veritas weiterhin wichtige Innovationen einbringen, die Kunden im öffentlichen Sektor und im kommerziellen Bereich dabei helfen, einige ihrer dringendsten Herausforderungen im Datenmanagement zu lösen.“ Auch das Land hält die Füße still: Man warte die Verhandlungen ab, teilt das Kultusministerium mit.

Der SPD-Abgeordnete Daniel Born fordert: „Bei der Frage, wie es mit Ella weitergeht, dürfen wir uns auf keinen faulen Kompromiss einlassen. Es darf nicht darum gehen, dass die beteiligten Minister Eisenmann und Strobl nach ihrer mangelhaften Projektsteuerung nun ihr Gesicht wahren.“ Schließlich habe das Land 8,7 Millionen Euro gezahlt, und bisher habe keine Schule einen Nutzen. Born findet: „Ein Plan B darf nicht bedeuten, dass über diese verantwortungslos verpulverten Steuergelder nicht mehr gesprochen wird.“

Gibt es überhaupt einen „Plan B“? Offiziell nicht. Doch die IT-Konkurrenz bringt sich in Stellung. Auf eine Anfrage der SPD antwortet Eisenmann: „Im Zuge der Berichterstattung über die Verzögerungen bei der Bildungsplattform wurde das Kultusministerium von verschiedenen Unternehmen kontaktiert, ohne dass dies zu weiteren Gesprächen geführt hätte.“ Man habe nichts unternommen und führe, so Eisenmanns Sprecherin, „vorerst auch keine Gespräche mit möglichen dritten Anbietern“.

Das Innenministerium hält sich weniger zurück. Dort fand im Juni ein Gespräch mit Vertretern der Firma SAP statt. Ein Thema: die Bildungsplattform. „Es handelte sich um einen Meinungsaustausch des Ministers, der aus unserem Haus zusammen mit dem Amtschef, dem CIO und Mitarbeitern des Innenministeriums geführt wurde“, berichtet ein Sprecher Strobls. Auch dass es „explizit und vertieft“ um Ella ging, bestätigt er.

Der Name SAP fiel im „Ella“-Komplex immer wieder mal. Hartnäckig hält sich das Gerücht, Europas größter Softwarehersteller habe vor Jahren Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) angeboten, eine Plattform zu entwickeln – gratis, als Prestigeprojekt. Schließlich gilt die Digitalisierung der Schulen als lukrativer Zukunftsmarkt. Ob es die Offerte gab, ist unklar. Kretschmanns Sprecher sagte im Juni, so ein Angebot sei im Staatsministerium „nicht bekannt“. Ein SAP-Sprecher bat um „Verständnis, dass wir uns zu diesem Thema nicht äußern wollen“. Neue Fragen zum Treffen mit Strobl bleiben unbeantwortet.

Doch offenbar hat SAP Interesse. Davon zeugt ein Papier, das dieser Zeitung vorliegt. Unter dem Titel „Cloud4School – SAP Perspektive“ beschäftigt es sich mit „Ella“ – und zerreißt das Projekt: „Wir haben nicht den Eindruck, dass diese Plattform aus Sicht von Lehrern und Schülern entwickelt wurde, sondern eher aus technischer Sicht.“

Die Autoren kritisieren etliche Details, ihr Urteil lautet: „Insgesamt scheinen sich die Dienstleister hier übernommen zu haben.“ Die „Handlungsempfehlung“ von SAP: „konzeptioneller Neustart“ – mit ihnen: „Bei Bedarf bieten wir gerne an, eine solche Machbarkeitsstudie inkl. eines Umsetzungsplans zu erstellen.“

Selbstbewusste Ansagen, ein großer Name, noch dazu aus dem Ländle: Nach all dem Ärger mit „Ella“ klingt das für viele Politiker verlockend. Doch aus dem Bildungsausschuss verlautet auch Skepsis: Gegen Pannen sei selbst SAP nicht gefeit. Schließlich habe „Lidl“ gerade erst „Elwis“ gestoppt, ein Softwareprojekt für ein neues Datensystem des Discounters. 500 Millionen Euro sollen über sieben Jahre bis zum Projektstopp geflossen sein. Der Entwickler: SAP. Neben „Elwis“ sieht „Ella“ mit ihren bisher 8,7 Millionen Euro fast läppisch aus.

Mehrere Interessenten

Anbieter Entwickler von „Ella“ ist der kommunale IT-Verband KIVBF, seit einer Fusion im Juli heißt er ITEOS. Er ist seit April 2015, also noch bevor das Land die Anschaffung einer Plattform beschloss, dazu im Austausch mit dem Kultusministerium. Im Frühjahr 2017 präsentierten vier Anbieter dem Ministerium ihr Produkt: KIVBF, Microsoft, It´s Learning und Logineo. KIVBF wohnte allen Präsentationen bei. Es bekam den Zuschlag. Zuvor änderte es seine Satzung und erweiterte seinen Verwaltungsrat um einen Sitz: für das Land. So wurde ein „Inhouse“-Auftrag statt einer Ausschreibung möglich. hab

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel