Kirchberg/Jagst Asylbewerber im Fürstenschloss

Neue Besitzer, neue Nutzung: Bis 1861 lebten die Kirchberger Fürsten im Schloss, dann erlosch die Linie. Nun ziehen Bauern und Flüchtlinge ein.
Neue Besitzer, neue Nutzung: Bis 1861 lebten die Kirchberger Fürsten im Schloss, dann erlosch die Linie. Nun ziehen Bauern und Flüchtlinge ein. © Foto: Erwin Zoll
Kirchberg/Jagst / ERWIN ZOLL 06.10.2015
Wo einst die Fürsten zu Hohenlohe-Kirchberg über einen Staat von elf Ortschaften regierten, residieren demnächst Bauern - und Platz für 150 Flüchtlinge ist in dem Schloss über der Jagst auch noch.

Einen gewissen Triumph kann sich Rudolf Bühler nicht verkneifen. Der Chef der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (BESH), die einst das Schwäbisch-Hällische Landschwein vor dem Aussterben bewahrt hat und heute 1450 Bauernfamilien eine Existenzgrundlage bietet, greift weit zurück in die Geschichte: Das Schloss Kirchberg im Kreis Schwäbisch Hall sei von leibeigenen Bauern in Frondiensten erbaut worden. "Nun geben wir es zurück an die rechtmäßigen Eigentümer - an die freien Bauern der Region Hohenlohe", sagte Bühler kürzlich.

Kurz zuvor hatte die Stiftung "Haus der Bauern", die als Sozialwerk der BESH gilt und deren Vorsitzender Rudolf Bühler ist, das Renaissance-Schloss gekauft. Bis dahin war die Evangelische Heimstiftung die Eigentümerin gewesen; sie betrieb darin bis 2012 ein Alten- und Pflegeheim, hat sich dann jedoch damit in einen Anbau zurückgezogen.

Die Stiftung "Haus der Bauern" will in dem Gebäude, das Ende des 16. Jahrhunderts errichtet und im 18. Jahrhundert ausgebaut worden war, eine "Akademie für ökologische Land- und Ernährungswirtschaft" einrichten. Deren Träger wird außer der BESH unter anderem der Demeter-Bundesverband sein. Rudolf Bühler will auf diese Weise das Schloss zum "Symbol der Agrarwende" machen und eine "nachhaltige bäuerliche Landwirtschaft" fördern.

Zwei Flügel auf der Westseite des Schlosses, die für den Aufbau der Akademie zunächst nicht benötigt werden, vermietet die Stiftung als Unterkunft für Flüchtlinge an den Landkreis Schwäbisch Hall. Damit hilft Rudolf Bühler dem Kreis ganz erheblich bei der Unterbringung dieser Menschen - Landrat Gerhard Bauer muss derzeit jeden Monat 360 Asylbewerbern ein Dach über dem Kopf verschaffen. 150 von ihnen finden in Kürze Platz im Kirchberger Schloss.

Für die Stadt Kirchberg erreicht das Thema Flüchtlinge damit völlig neue Dimensionen. Denn mit dem Adelheidstift, einem ehemaligen Mutter-Kind-Kurheim, das der Landkreis dem Roten Kreuz abgekauft hat, gibt es in der Kommune bereits eine Flüchtlingsunterkunft für 158 Menschen. Weitere 30 Asylbewerber leben schon seit einigen Monaten im Teilort Gaggstatt. In der Summe sind das bis zu 338 Flüchtlinge, die in der rund 4000 Einwohner zählenden Stadt leben werden, wenn Schloss und Adelheidstift voll belegt sind.

Kirchberg gehört damit zu den fünf von dreißig Kommunen im Kreis Schwäbisch Hall, in denen 75 Prozent der Flüchtlinge untergebracht sind. In der Stadt gibt es einen Freundeskreis mit rund 50 ehrenamtlichen Helfern, die sich um die Flüchtlinge kümmern. Ob sie mit weit über 300 Asylbewerbern nicht überfordert sein werden, ist eine naheliegende Frage.

Der Kirchberger Gemeinderat kritisiert die ungleiche Verteilung der Flüchtlinge und hat sich jetzt mit einem Appell an das Landratsamt und die übrigen Gemeinden im Kreis Hall gewandt. Darin bemängelt er, dass es immer noch Gemeinden gebe, die sich der "Verantwortung für Menschen in Not noch nicht oder nur in geringem Umfang stellen", und fordert sie auf, mehr Unterkünfte zur Verfügung zu stellen.