Missbrauch Angeklagter im Staufen-Prozess: „Ich war die treibende Kraft“

Freiburg / Wulf Rüskamp 12.06.2018

Auftakt eines Mammutprozesses: Fast dreieinhalb Stunden brauchen die beiden Staatsanwältinnen Nikola Novak und Sabrina Haberstroh, um die 108 Seiten starke Anklageschrift gegen den Christian L. (39) und Berrin T. (48) zu verlesen. Die beiden sind die Hauptverdächtigen im Staufener Missbrauchsfall. In der Anklage werden rund 50 Fälle erfasst, in denen es um  Missbrauch, Vergewaltigung, Zwangsprostitution, Körperverletzung, Beleidigung und Menschenhandel geht.

In vier der Fälle, die sich alle zwischen 2015 und 2017 an verschiedenen Orten im Markgräflerland und darüber hinaus ereignet haben, war eine Dreijährige das Opfer, in den übrigen der damals acht- bis neunjährige Sohn der zuletzt in Staufen wohnenden Berrin T. Für die Ankläger ist es erwiesen, dass die Mutter an den meisten  Missbrauchs- und Gewalttaten beteiligt war – dass sie diese nicht nur gebilligt, sondern auch aktiv mitgewirkt hat. In der Summe wiegen die ihr angelasteten Taten juristisch sogar schwerer als die von Christian L.

Die beiden Angeklagten betreten am Montagmorgen den Gerichtssaal, ohne ihre Gesichter zu verdecken. Diese Offenheit behält Christian L. auch bei, als es um seine Aussage geht. Der Anwalt der Mitangeklagten Berrin T. beantragt dagegen für seine Mandantin den Ausschluss der Öffentlichkeit. Begründung:  Es käme dabei etwa das Verhältnis der Mutter zu ihrem Kind zur Sprache, was den intimsten Persönlichkeitsbereich betreffe.

Christian L. bestätigte die Anklage als insgesamt richtig, hatte aber im Detail doch recht viel auszusetzen. Vor allem will er das Bild von Berrin T. als ihm gleichgestellte Täterin korrigieren: „Die treibende Kraft bin ich gewesen“, erklärte er, der wegen sexuellen Missbrauchs von Mädchen schon einmal vier Jahre im Gefängnis gesessen hatte und erst 2014 entlassen worden war.

Berrin T., die er Ende 2014 kennengelernt hatte und die von seiner sexuellen Präferenz von Anfang an wusste, habe ihm zunächst gesagt, sie wolle nicht, dass er sich an ihrem Sohn vergreife. Die dreijährige Tochter einer Bekannten, die von Berrin T. zeitweilig betreut wurde, habe sich da als Alternative angeboten. Erst als die Verbindung zu deren Mutter abriss, sei der Junge im Frühjahr 2015 wieder in sein Blickfeld gerückt. Mit der Drohung, sie zu verlassen, habe er sie zum Einlenken gebracht.

Die Mutter, so Christian L., habe aber vom Missbrauch stets Bescheid gewusst – „ich habe da nichts heimlich gemacht“. Vom Frühjahr 2016 an habe sie aktiv mitgewirkt. Die Taten wurden laut Staatsanwaltschaft häufiger und brutaler, erst recht, als der Junge 2017 für einen Monat vom Jugendamt  in Obhut genommen worden war – und nach einem Beschluss des Familiengerichts wieder zur Mutter zurück musste. Erst die Verhaftung von Berrin T. und Christian L.  Mitte September 2017 beendete alles.

Die Missbrauchs- und Gewalttaten an den Kindern sind auch auf Filmen zu sehen, die  von der Polizei sichergestellt worden waren. Auf diese Videos stützt sich in hohem Maße die Anklage. Wobei Staatsanwältin Novak davon ausgeht, dass die Zahl der Fälle in Wahrheit weit höher sein könnte als in ihrer Anklage genannt.

Die Filme stellte das Paar laut Anklage übers Internet anderen Pädosexuellen zur Verfügung. Der Junge sei so regelrecht angeboten worden, worauf sich Interessenten aus dem In- und Ausland gemeldet hätten. Laut Anklage trafen sich Christian L. und Berrin T.  mit den „Kunden“ in Ferienwohnungen oder im Freien, häufig sollen sie mit ihnen zusammen den Jungen missbraucht haben. Insgesamt vier Männer sollen dafür zwischen 10 000 und 20 Euro bezahlt haben.

Christian L. erklärte, ihm sei inzwischen egal, wie hoch seine Strafe ausfalle und ob er, wie von der Staatsanwältin für beide Angeklagten gefordert, in Sicherungsverwahrung komme. Wichtig sei für ihn nun, dass dem Jungen Gerechtigkeit widerfahre und dieser all das, was ihm geschehen ist, aufarbeiten könne. Zugleich aber ist er überzeugt: „Ich war der Schlimmste für ihn, was die Zahl des Missbrauchs angeht, aber unser Verhältnis war sehr gut.“

Chronologie der Prozesse

Acht Verdächtige gibt es insgesamt im Komplex „Staufen“: Sechs Deutsche, ein Schweizer und ein Spanier gingen den Ermittlern ins Netz, sieben davon sollen direkt am jahrelangen Missbrauch des neunjährigen Jungen beteiligt gewesen sein, der online im „Darknet“ zur Vergewaltigung angeboten wurde. Es ist laut Landeskriminalamt der schwerwiegendste Fall von Kindesmissbrauch, den es je in Baden-Württemberg gegeben hat. Ein Überblick über die Verfahren:

12. April In Freiburg startet der erste Prozess gegen einen 41-jährigen deutschen Gelegenheitsarbeiter, der gesteht, das Kind zweimal vergewaltigt und dabei auch gefilmt zu haben. Der einschlägig vorbestrafte Mann wird am 19. April verurteilt: Er bekommt zehn Jahre Haft plus Sicherungsverwahrung. Die Verteidigung geht in Revision.

27. April Vor dem Landgericht Kiel beginnt der Prozess gegen einen 32-jährigen Mann aus Neumünster. Angeklagt ist der Arbeitslose wegen schweren sexuellen Missbrauchs seiner Tochter. Filmaufnahmen davon hatte die Polizei bei den Ermittlungen im Freiburger Raum sichergestellt. Am Missbrauch des Jungen aus Staufen war er nicht beteiligt. Am 5. Juni wird der Mann zu sieben Jahren und drei Monaten Haft verurteilt.

7. Mai In Freiburg beginnt der nächste Prozess, diesmal gegen einen Bundeswehrsoldaten. Er soll den Jungen aus Staufen zweimal vergewaltigt und die Taten gefilmt haben. Er wird am 16. Mai wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs und Vergewaltigung zur acht Jahren Haft verurteilt. Da er kein Wiederholungstäter ist, bekommt er keine Sicherungsverwahrung. Staatsanwaltschaft und Verteidigung gehen in Revision.

6. Juni Der dritte Freiburger Prozess beginnt. Vor Gericht steht ein 37-jähriger Maurer aus der Schweiz, er ist angeklagt wegen schwerer Vergewaltigung und schweren Missbrauchs des Jungen. Er soll den Jungen dreimal vergewaltigt haben. Ein Urteil gegen den Mann könnte am 22. Juni fallen.

11. Juni In Freiburg stehen die mutmaßlichen Haupttäter vor Gericht, die Mutter des Kindes und ihr Lebensgefährte. In Karlsruhe beginnt am selben Tag der Prozess gegen einen 44-jährigen Elektriker aus Schleswig-Holstein, auch er ist einschlägig vorbestraft. Er ist angeklagt wegen „Sichbereiterklärens zum Mord und Sichbereiterklärens zum schweren sexuellen Missbrauch von Kindern“. Er soll angefragt haben, ob er das Kind missbrauchen und dann töten könne. Als er zum Missbrauch nach Karlsruhe reiste, ging er Fahndern in die Falle und wurde dort festgenommen. Ein Urteil wird für den 29. Juni erwartet.

Noch nicht terminiert ist der Prozess gegen einen 33-jährigen Spanier, der laut Gericht Ende Juli in Freiburg beginnen soll. Der Mann soll insgesamt 18 000 Euro für den Missbrauch des Jungen bezahlt haben. Er sitzt in Deutschland in U-Haft. dpa/eb

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Wann wird im Prozess die Öffentlichkeit ausgeschlossen?

 

Freiburg (dpa/lsw) - Strafprozesse gegen Heranwachsende und Erwachsene sind zwar grundsätzlich öffentlich. Es gibt jedoch immer die Möglichkeit, Zuhörer und Presse auszuschließen - etwa, wenn sehr persönliche Fragen erörtert werden, die schutzwürdige Interessen des Angeklagten, von Zeugen oder Opfern verletzen könnten. In der Praxis kommt das immer wieder vor, zum Beispiel bei Prozessen, in denen es um Sexualdelikte geht. Auch bei Gutachten zur Schuldfähigkeit und bei Expertisen zur psychischen Verfassung eines Angeklagten wird die Öffentlichkeit regelmäßig ausgeschlossen.

Einen Ausschluss können die am Prozess Beteiligten beantragen. Die Entscheidung trifft das Gericht. Wird die Öffentlichkeit während Prozessen um schwerwiegende Straftaten wie Mord oder Vergewaltigung zeitweise ausgeschlossen, sind laut Gesetz auch die Plädoyers sowie das letzte Wort des Angeklagten vor dem Urteil zwingend nichtöffentlich. Es sei denn, der Antragssteller widerspricht seinem Antrag im Laufe der Verhandlung - was jedoch äußerst selten ist. Die Urteilsverkündung wiederum ist demnach hingegen immer öffentlich. Ebenso, in den meisten Fällen, die Befragung von Zeugen.

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