Ulm / FABIAN ZIEHE, HANS-ULI THIERER Wenn nicht entschieden wird, wie der Flughafen Stuttgart an die Bahn-Neubaustrecke angebunden wird, gerät der Zeitplan aus den Fugen. Sagt Projektsprecher Dietrich. Er favorisiert nicht die Antragstrasse.

Stuttgart 21, also der neue Tiefbahnhof samt Flughafen-Anbindung, plus Neubaustrecke Wendlingen-Ulm: Aus diesen Groß-Bausteinen besteht das knapp zehn Milliarden Euro teure Bahnprojekt Stuttgart-Ulm. Dessen Sprecher Wolfgang Dietrich fürchtet, dass die bislang anvisierte Inbetriebnahme des Gesamtvorhabens 2021, also mit der Flughafenanbindung, nicht zu halten sei. Dies hänge davon ab, "ob die Projektpartner endlich final über Art und Weise der Flughafenanbindung entscheiden". Und: "Das Thema ist seit Jahren auf dem Tisch und alle wissen, unter welchem Zeitdruck wir stehen."

Dietrich forderte die Politik zum Handeln auf und schlug einen Lösungsweg vor: "Wer verkehrlich mehr will, muss auch mehr zahlen. Das geht nur mit einer Zusatz-Finanzierung außerhalb des bestehenden Vertrags." Das Prinzip: Die Projektpartner Bahn, Bund, Land, Region, Stadt und Flughafen einigen sich auf die teurere, aber infrastrukturell sinnvollere Flughafenhalt-Variante "Filderbahnhof Plus" und stellen dafür die notwendigen Mittel bereit. "Die Projektpartner müssen endlich eine Entscheidung treffen - so oder so. Sie müssen den Menschen im Land entweder erklären, dass sie mehr Geld in die Hand nehmen oder zur Antragstrasse stehen, mit der die Bahn die Finanzierungsvereinbarung voll erfüllt. Dazwischen gibt es nichts. Es ist fahrlässig, dass diese Entscheidung nicht schon lange gefallen ist."

So aber hängt der daran anschließende Filderbahnhof in der Warteschleife. Bliebe das so, droht Folgendes: Neubaustrecke und Tiefbahnhof gehen 2021 fristgerecht in Betrieb, während Flughafen und Messe zunächst von der Neubaustrecke abgehängt bleiben.

Beim Redaktionsgespräch unserer Zeitung sagte Dietrich, dass unter allen Gegebenheiten wie verkehrliche Aspekte, Kosten und Flächenverbrauch die Antragsvariante der Bahn vorzugswürdig, weil schneller zu realisieren sei. Der Projektsprecher machte allerdings keinen Hehl daraus, dass er glaubt, die Variante "Filderbahnhof Plus" habe verkehrliche Vorteile. "Wir verhindern damit unter Umständen einen Flaschenhals, an dem die nächsten Generationen zu knabbern haben." Dieses Szenario befürchten auch Politiker von CDU und FDP.

Verkehrliche Vorteile sprächen für die 224 Millionen Euro teurere Variante "Filderbahnhof Plus", also einen vom Nahverkehr getrennten Fernverkehrshalt unter der Flughafenstraße. Sie würde auf jeden Fall den befürchteten Flaschenhals im Flughafenbereich vermeiden, den Kritiker durch die Antragsvariante zementiert sehen. Dietrich: "Will man die verkehrlichen Vorteile höher bewerten als die Kosten und den Flächenverbrauch, müssen die komplexen politischen und finanziellen Rahmenbedingungen geändert werden." Derzeit sieht er keine Chance, Mittel aus dem Neubaustrecken-Bau für den Flughafenanschluss umzuwidmen.

Die verkehrlichen Vorteile der "Plus"-Variante bestreitet auch Grün-Rot nicht grundsätzlich. Nur will das Land nicht mehr zahlen. Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hatte unlängst betont, es gebe kein weiteres Geld für S 21 und Filderbahnhof. So bliebe nur die Antragsvariante. Für S 21 samt Filderbahnhof zahlt das Land 930 Millionen Euro, aus Bundes und EU-Mitteln kommen 1,23 Milliarden Euro. 619 Millionen Euro steuern Stadt, Region und Flughafen Stuttgart bei. Nach aktueller Kalkulation muss die Bahn 3,74 Milliarden Euro schultern.

Mit dem aktuellen Bauverlauf von S 21 und Neubaustrecke ist Dietrich voll zufrieden. Zeit- und Finanzierungspläne seien im Rahmen. "Insbesondere auf der Neubaustrecke konnten Kosten- und Terminpuffer aufgebaut werden." Dietrich bezifferte die Einsparungen nicht genau, sie dürften bei 3,3 Milliarden Euro Gesamtkosten für die Neubaustrecke zehn Prozent betragen.

Der im Februar auf eigenen Wunsch als Sprecher ausscheidende Dietrich hat in Ulm am Donnerstag ein Projekt-Info-Center eröffnet.

Nachfolger bereits vorgeschlagen

Personalie S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich hat auch den Namen eines potentiellen Nachfolgers ins Spiel gebracht: den früheren CDU-Bundestagsabgeordneten Georg Brunnhuber. Der 66-jährige Oberkochener hatte von 1990 bis 2009 den Wahlkreis Aalen-Heidenheim in Bonn und Berlin vertreten und beriet von 2010 an Bahnchef Rüdiger Grube. Derzeit ist er Cheflobbyist des Konzerns.

Wahl Dietrich ist mit dem Aalener befreundet und hat seinen Namen der Bahn-Führung vorgeschlagen. Diese habe dem Vorschlag zugestimmt. Die Entscheidung obliegt allerdings dem Verein Bahnprojekt Stuttgart-Ulm, dem alle Projektpartner angehören. Dietrichs Nachfolger soll künftig weniger politischer Sprechers des Projekts denn Vereinsvorstand sein. zie

SWP