Karlsruhe Ausstellung: Eiszeittiere und -pflanzen

Karlsruhe / Hans Georg Frank 20.06.2018
Bison, Flusspferd & Co: Ein Karlsruher Museum zeigt in einer Großen Landesausstellung Tiere und Pflanzen der Eiszeit.

Die Bauarbeiter wussten sofort, was sie im Kies des Rheinufers bei Daxlanden unweit von Karlsruhe gefunden haben. Das seltsame Knochengebilde konnte doch nur der Schädel einer sagenhaften Meerjungfrau sein, waren sie anno 1802 sicher. Den Irrtum verzeiht ihnen heute Eberhard „Dino“ Frey sofort. „Sie wussten es eben nicht besser, sie hatten ja keine Ahnung“, sagt der Experte für Paläontologie. Jetzt ist dieser Daxlandener Nashornschädel einer der Blickfänge der Großen Landesausstellung im Naturkundemuseum Karlsruhe.

900.000 Euro des 1,2-Millionen-Etats für die zweite Große Landesausstellung im Karlsruher Museum hat die Landeskasse spendiert, damit vom morgigen Donnerstag an bis zum 27. Januar 2019 eine Reise in eine viele tausend Jahre zurückliegende Tier- und Pflanzenwelt möglich ist. In „Flusspferde am Oberrhein“ wurde der Titel abgeändert, weil diese Tiere „ein viel größerer Werbeträger“ seien als der ursprüngliche Hinweis auf die Eiszeit, sagt Museumschef Norbert Lenz. Er rechnet mit gut 100.000 Besucher, für die ein vielseitiges Rahmenprogramm erarbeitet worden ist.

„Sehen, fühlen, riechen“

Tatsächlich tummelten sich Flusspferde vor mehr als 115.000 Jahren in dem Fluss, wovon zahlreiche Knochen- und Zahnfunde zeugen. Die Hippos waren aus Afrika über Osteuropa eingewandert. Dass sich die Kolosse im späteren Baden beim Baden wohlfühlten, ließ die Koordinatorin Sabine Mahr in einem riesigen Diorama mit lebensgroßen Präparaten originalgetreu nachstellen: „Man kann hören, wie sie schnauben und pupsen.“ Schließlich soll die Schau „sehr atmosphärisch“ sein. An interaktiven Stationen könne man „sehen, fühlen, riechen“.

Die Exponate auf der 700 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche stammen überwiegend aus eigenen Beständen des Naturkundemuseums am Friedrichsplatz, das über eine äußerst umfangreiche Sammlung verfügt. Die Fossilien wurden ergänzt durch eigens angefertigte Modelle wie das des Flusspferdes mit dem weit aufgerissenen Maul. Die Anschaffung war dank großzügiger Spenden möglich. Damit können die Spezialisten um „Dino“ Frey rekonstruieren, was sich in bestimmten Abschnitten des seit 2,6 Millionen Jahre dauernden Eiszeitalters in der Tier- und Pflanzenwelt abgespielt hat. Kalte und warme Phasen, jeweils mit extremeren Temperaturen als heute, haben sich abgewechselt. Als es wesentlich heißer war, bevölkerten Waldelefanten, Waldnashörner, sehr groß geratene Wasserbüffel und die titelgebenden Flusspferde die oberrheinische Steppe. Die kälteren Perioden begünstigten die Ausbreitung von Mammuts, Wollhaarnashörnern, Steppenbisons und Riesenhirschen.

Kälte als Killer

Innerhalb von wenigen 100 Jahren habe sich die Fauna grundlegend verändern können, erklärte Frey. „Kälte haute die Viecher aus der Schiene“, beschrieb der Fachmann das Urzeit-Szenario.

Die gegenwärtige Holozän-Warmzeit mit milden Wintern und gemäßigten Sommern müsste nach den Gesetzen der Eiszeit bald von einer frostigeren Epoche abgelöst werden. „Aber das wird verhindert durch das Eingreifen der Menschen“, sagte die Geologin Ute Gebhardt. Eine Vorhersage sei nicht möglich, weil Klimageschichte „eine hoch komplizierte Angelegenheit“ sei. Innerhalb von 150 Jahren vollzögen sich derart rasante Veränderungen, dass sie geologisch nicht messbar seien: „Es ist nicht klar, wohin das führen wird.“

Direktor Lenz möchte mit der Ausstellung eine Botschaft vermitteln: „Klimawandel ist keine Erfindung des postindustriellen Zeitalters, den hat es immer gegeben.“ Die Besucher jeden Alters sollen zum Nachdenken angeregt werden: „Was ist wichtig für unsere Zukunft?“

Bliebe die ursprüngliche Warm-Kalt-Abwechslung als eine Art „gesetzlicher Abfolge“ erhalten, müssten sich hierzulande etwa Frost resistente Tiere aus Sibirien ausbreiten wie der Polarfuchs, dessen dichtes Fell bis zu minus 80 Grad schützt. In Wirklichkeit gebe es jedoch „eine sehr massive Invasion“ aus wärmeren Gebieten, sagte Eberhard Frey. „Der Mensch verkürzt das Klimageschehen“, stellte der Experte fest.

Doch selbst wenn die Temperaturen wieder stark ansteigen, mit Flusspferden im Rhein könne nicht mehr gerechnet werden, betont „Dino“ Frey: „Die Menschen schießen sie ja überall ab.“

Spitzname „Dino“

Eberhard Frey, am 28. Juni 1953 in Ulm geboren, ist einer der bedeutendsten Saurierforscher der Republik. Der Schwabe ist nicht nur der internationalen Fachwelt als „Dino“
bekannt. Den Spitznamen hat er schon auf dem Ulmer Kepler-Gymnasiums bekommen, weil er seine Hefte
gerne mit Sauriern vollkritzelte. Der Sohn eines Piloten war schon mit drei Jahren fasziniert von allem, was fliegt, besonders von Flug­sauriern.

Der Professor für Paläontologie und Zoologie leitet seit 1990 die geowissenschaftliche Abteilung des staatlichen Naturkundemuseums in Karlsruhe.

Am spektakulärsten  ist das „Monster von Aramberri“, ein einst wohl 50 Tonnen schweres Meeresreptil, das 1984 in Mexiko entdeckt worden ist. Seit 2000 legt der in Pforzheim wohnende Frey mit Heidelberger Kollegen einen Saurierfriedhof in der mexikanischen Coahuila-Wüste frei. Zweimal jährlich fliegt er dafür nach Mittelamerika. Die nächste Forschungsreise ist für September geplant. Seine Arbeit bezeichnet „Dino“ als „spaßorientiert“.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel